German poem
Verse auf Swift’s Tod
by Jonathan Swift (1667–1745)
Wohl glaub’ ich selbst, daß ich den Zoll Bald der Natur entrichten soll; Die nähern Freunde denken dann Auch egoistisch wohl daran; Obgleich sie schwerlich Nutzen tragen Von meinem Tod, dünkt mich, sie sagen: Bald wird’s mit Swift vorbei wohl sein! Der Arme! sichtlich fällt er ein. Gewiß sein Schwindel bleibt im Kopf, Bis bald der Tod ihn packt beim Schopf. Man merkt, wie sein Gedächtniß schwindet, Er weiß nicht mehr, was er uns kündet, Pflegt selbst den Freund auch zu vergessen, Bei dem er jüngst zu Tisch gesessen. Wie er uns mit Geschichten quält, Die er schon hundertmal erzählt! Glaubt er, daß wir geduldig, traun Die alten Witze noch verdaun? Mit jüngern Leuten zwar verkehrt er, Doch denen ist sein Wein weit werther. Wohl muß er kürzen die Geschichten, Will er die Freunde stets nicht lichten. In einem Monat hat er jetzt, Sie all ermüdet mit Geschwätz, Und muß sich neue drum erkunden. Längst ist sein Dichtergeist entschwunden; Nach Reimen sucht er Stunden lang; Längst ist gelähmt des Witzes Drang; Was jetzt er schreibt ist eitler Kram Und seine Muße gänzlich lahm. O, würf’ er nur die Feder fort! Doch Rath ist nicht am rechten Ort. Auch zeigt mir Mancher Zärtlichkeit, Der mir ein höher Alter leiht: Er ist weit älter, als er zeigt, Da er in Carls Regierung reicht; Jetzt trinkt er kaum ’ne Pinte Wein; Das kann kein gutes Zeichen sein! Sein Magen selbst wird kränklich gar: Wir hielten ihn vergangnes Jahr Für sehr gesund und voll von Kraft; Jetzt ist ihm alle Stärk’ entrafft. Ob er wohl bis zum längsten Tag Jetzt auszuhalten noch vermag? Die Herrn complimentiren sich, Und Jeder glaubt, denkt er an mich, So schlimm stand es mit mir noch nie! In Bildern gleichsam sprechen sie; Was dann Besorgniß heißt und Leid Ist Hoffnung, die sich ihnen beut. Kein Freund empfindet solch Behagen Wie selbst ein Feind, vorherzusagen Ein Mißgeschick, wie sehr er auch Beachten mag der Freundschaft Brauch, Und täglich sich nach dem Befinden Erkundigt. Wird der Diener künden, Herrn Swift geht’s täglich schlimmer jetzt, Wird er weit mehr dadurch ergötzt, Als müßt’ er hören: Gott sei Dank, Swift ist allein noch grillenkrank. Wer dann am besten als Prophet Sich hier erwies, sagt sehr diskret: Das Schlimmste, was man fürchten kann, Sagt’ ich voraus von Anfang an. Ein solcher Herr zieht meinen Tod, Dem Fall vor, daß gesund und roth Ich seinem Scharfsinn Schande mache. So geht’s mir jetzt. In einer Sache Stimmt jeder Freund schier überein: Swift muß sehr bald begraben sein. Doch sollt’ auch gar ein Fremder leiden An Schmerzen, die mich jetzt durchschneiden, Mit wie viel Inbrunst würd’ er beten Für meine Bessrung, würde treten Theilnehmend an mein Lager hin, Erforschend wie ich vom Beginn Der Krankheit an Diät gehalten, Wodurch Erleichtrung ich erhalten; Mein Tod auch gäb’ ihm größre Pein, Wie Allen, die mein Bett umreihn, Und selbst noch in den letzten Stunden Durch Schluchzen mein Gefühl verwunden. Ihr guten Herrn braucht nicht zu sorgen! Zwar sterb’ ich ganz gewiß nicht morgen; Ihr habt zu schnell mich expedirt, Doch mein Termin ist schon notirt. Er naht, gleich wird der Geist entschweben – Wie geht’s – Swift lebt nur noch so eben – Man liest ihm ein Gebet zuletzt – Er athmet kaum – todt ist er jetzt. – Die Kund’ ist gleich eh man geläutet Schon in der ganzen Stadt verbreitet. – Bereiten wir uns all zum Sterben! Was hinterließ er? Wer wird erben? – Ich weiß nicht mehr, als was man kündet; Verwandt wird Alles, was sich findet, Allein zu öffentlichen Zwecken – Man kann doch überall entdecken, Wie bei ihm Grillen nur gediehn, Was that das Publikum für ihn? Da sieht man seinen Stolz und Geiz! – Er gab ja alles fort bereits. – Nicht eh’, als er gestorben war; Hat er im ganzen Lande gar Denn keinen würd’gen Freund vielleicht, Nicht arme Vettern? Nur geneigt Zum Hochmuth, that er Fremden Gutes, Und schämte sich des eignen Blutes. Die Herrn Poeten sehn sich jetzt Mit Zeitungsschreibern aufgehetzt: Man bietet aus manch Leichencarmen Die Zeitung schwillt von überwarmen Artikeln an, um Swift zu fluchen, Auch sein Verdienst wohl aufzusuchen, Das er um Irland sich erwarb Als er Herrn Walpole’s Spiel verdarb. Die Aerzte, weise sehr, belieben Des Todes Schuld mir zuzuschieben. Der Fall war schwierig, sagen sie, Doch unsern Rath befolgt er nie. Hätt’ er’s gethan, so konnt’ er gar Gewiß noch leben zwanzig Jahr, Denn die Secirung gab uns kund, Die innern Theil’ als ganz gesund. Nach London kommt die Nachricht dann So schnell nur immer möglich an. Bei Hofe heißt es, Swift ist todt. Die Dame, die viel Klatsch mir bot, Und die voll süßer Frömmigkeit Mir einst geschadet hat, ist heut In schlechter Laune, doch sie fährt Sogleich mit Christensinn bewehrt Zu andern Freunden, die mir blühn: Jetzt ist er todt; gewiß hat ihn Der Teufel jetzt in seinen Klauen, Und wird auch ihn mit Hohn erbauen. Ein Kuppler, vornehm, reich und fein Tritt beim Minister Walpole ein. – Swift todt! – War er zum Tod bereit, So ist mir diese Nachricht leid. Doch könnt’ er leben meinetwegen, Der Wicht! und auch die Feder regen, Obgleich er Bischofsrang erwürbe, Wenn Bolingbroke statt seiner stürbe!
Der Buchhändler, der manche Schrift Von mir verlegt, zieht dann von Swift Drei staub’ge Manuscript’ hervor, Putzt ab den Schmutz, denkt an den Flor Von einem modischen Genie; „Der Herr da revidire sie!“ Verfuhr er doch so säuberlich Mit Andern, Bessern noch wie ich! Er wird der Welt gedruckt auch geben, Mein Testament, so wie mein Leben, Vor Allem meiner Briefe Schwall! Pasquille gegen mich, die all Zum Tod allein geboren waren, Auch werden revidirt in Schaaren, Ob sie in diesen Zeitpunkt passen; Ich muß es mir gefallen lassen.
Wechsl’ ich die Scen’ um auszufinden Die Herren all, die Schmerz empfinden, Sobald sie meinen Tod vernehmen. Pope wird sich einen Monat grämen, Gay eine Woche noch hernach, Und Arbuthnot nur einen Tag. Bolingbroke kaut die Feder ab, Und eine Thräne rinnt hinab Die Wang’ ihm dann. Die Andern zucken Die Achseln wohl nur oder spucken Auch aus und sagen: ’s thut mir leid, Doch Allen steht der Tod bereit.
Der Seele ganze Stärke beut Gleichgült’ger Sinn im Weisheitskleid. In letztrem geht der Mensch auf Stelzen; Wie kann sein Herz zum Mitleid schmelzen? Bei Schlägen wird die Ruth’ er küssen, Und resignirt sich zeigen müssen.
Der Narren Schwarm, der um ein Jahr Nur jünger ist, als ich es war, Empfindet ekle Furcht und Grauen; Sie pflegten mich als Schirm zu schauen, Der zwischen ihnen und dem Tod Des längern Lebens Hoffnung bot; Ist er entfernt, ergreift sie Schauer; Aufrichtig scheint mir ihre Trauer.
Die Freundinnen, die zärtlich fühlen, Und besser ihre Rollen spielen, Vernehmen es mit Schmerz, der dumpf: „Swift todt! (Ich bitte, was ist Trumpf?) Gott wird der Seele gnädig sein! (Hier diesen Stich riskir’ ich fein.) Ja, sechs Dechanten sind genug, Zu halten ihm sein Leichentuch. (Vergessen hab’ ich, ob schon jetzt Trumpfkönig dort ist eingesetzt.) Wird man den Herrn Gemahl gewahren Im Leichenzug des Freundes fahren?“ – „Der Anblick wäre grauenhaft; Von ihm auch würde tadelhaft Dann ein Versprechen gar verletzt. Mylady, die gar sehr ihn schätzt, Erwartet morgen ihn beim Whist. Swift war sein Freund seit Jahresfrist; Doch alle Freunde müssen scheiden, Swift starb ja auch nach manchen Leiden. Die Laufbahn mußt’ er endlich schließen. Jetzt wird er höh’res Glück genießen.“
Wozu der Gram, wenn Freunde sterben? Leicht lassen andre sich erwerben. Die Scene wechselt jetzt. Ein Jahr Entschwand bereits. Wer denkt wohl gar An Swift? Jetzt ist er expedirt, Als hätt’ er niemals existirt. Wo ist der Mann voll witz’ger Stärke? Fort! – Folgen müssen seine Werke, Und auch die Sterblichkeit erkunden; Sein Hohn wird dann der Zeit nicht munden.
Landjunker, die denn doch bisweilen In Bücherläden auch verweilen, Verlangen einen Swift; man sagt: „Das Buch nach dem Sie da gefragt Ist uns sehr wohl bekannt. Nicht wahr? Der Autor starb vor einem Jahr?“ – „So ist’s.“ – Man sucht. – „Ich kann nicht dienen. Als jüngst in meinen Magazinen Verlegne Waar’ ich ausgeschieden, War ich im höchsten Grad zufrieden, Als ihn Pastetenbäcker nahmen; Man sieht, daß Sie nur selten kamen Hieher nach London. Seiner Zeit War Swift berühmt und auch gescheit. Jedoch sein Styl ist jetzt veraltet, Da besserer Geschmack hier waltet.“
Denkt längst von Würmern mich gefressen, Und Freiheitsmänner, die beim Essen Alsdann sich wohl zusammenfinden, Von Dem und Jenem Manches künden, Und endlich, nach des Staats Gebrechen, Von Doktor Swift auch einmal sprechen. „Swift, wie wir aus Berichten sehn, War seiner Zeit sehr angesehn. Er höhnte stets der Narren Schwall Und geißelte die Schurken all.“ –
„Nein! schlimme Mähr ist leider wahrer! Ein ganz verfluchter Tory war er! Auch ward er ja zur Strafe drum Vor seinem Tod erstaunlich dumm.“ –
„Doch, können wir den Mann vergessen, Der einst für Irlands Interessen So kühn und frei die Feder führte Und sich mit höchstem Ruhme zierte? Ist Irland ihm nicht hoch verpflichtet, Weil er Bedrückung einst vernichtet?“ –
„Gewiß, er hätte solche Rollen Ganz Andern überlassen sollen. Es gab weit bessre Patrioten, Die sich dem Volk als Führer boten.“ –
„Mocht’ er auch ein Genie wohl sein, So fällt es Euch doch nimmer ein, Auch sein Verfahren zu vertheidigen; Stets lärmt’ er in Satiren, leidigen, Und ließ die Menschen nie in Ruh. Kam Grillenfängerei hinzu, Schmäht’ er auf Hof, Stadt, Heer zugleich, Kurz, Alles war dem Schmäher gleich.“ –
„Sir Robert Walpole war ja Whig, Drum war er auch ja sicherlich Nicht halb so schlimm, wie Swift ihn macht – Was hat Swift sonst noch vorgebracht, Um Bosheitsscenen zu enthüllen In Lügenreisen und Pasquillen!“ –
„Gesteh’ ich, daß so oft er neckte, Zu viel Satir’ im Blut ihm steckte. Swift war entschlossen nach Belieben An Zeitgenossen sie zu üben. Durch Spott allein und Geißelschwingen Läßt sich ja Laster niederbringen. Erweckt’ er Zorn, wen trifft der Tadel? Euch kannt’ er nicht und euern Adel Verachtet’ er. An Lasterhaften Soll niemals wohl ein Tadel haften, Weil sie den Herzogstitel führen? Swift ließ dadurch sich nie geniren. Als Freunde hatt’ er zugelassen Nur Wen’ge, meist aus Mittelklassen, Nie Narren hohen Rangs und nie Von Lords Verwandte, die mit Müh Erstreben selbst als Lords zu scheinen, Und sich dem Adel zu vereinen, Mit Titeln, wo nur Schein gedieh, Verwelkte Blumen der Pairie! Er hätt’ es selbst als Schmach erkannt, Wenn solch ein Wicht ihn Freund genannt. Nie glaubt’ er Ehre sich erwiesen, Wollt’ ihn ein Pair zum Freund erkiesen; Dann zog er’s vor, sich fortzuscheeren, Mit witz’gen Köpfen zu verkehren In altem Rock und staub’gen Schuh’n; Den Lords, die sich zu Gute thun Auf Sterne, die mit Kupplern schon Geschwelgt, erwies er Stolz und Hohn.“
„Dem Thron hat Achtung er gespendet, Doch nie ward er von ihm verblendet. Da er auf Davids Warnung baute, Geschah’s, daß nie er Fürsten traute. Er ward zum heft’gen Zorn gereizt, Wenn sich ein Sklav bei Hof gespreizt.“
Denkt vorwärts euch in ein Jahrhundert, Dann spricht man also wohl verwundert: „Der arme Swift! Ein Widerwille War gegen Menschen einst ihm Grille! So ward er allgemein verhaßt. Hätt’ er’s benützt, so könnt’ er fast Die Sache sich zum Vortheil wenden. Er wollte nie viel Aerger spenden; Nur war er selbst sehr unzufrieden. Wär’ ihm ein besser Loos beschieden, Hätt’ er vielleicht sich so gefügt, Wie meist die Pfaffen sich geschmiegt. Kaum hätt’ er für Partein geblutet! Wird jetzt ihm Bosheit zugemuthet? Doch still! Er liegt ja lang im Grabe. Die Schriften, seines Geistes Gabe, Sind von verschiedner Art, kuriose, In Versen ein’ge, meist in Prose, Verfaßt in einer Toryzeit, Worin er Harley Beistand leiht, Auch jene Närrin Anna preist, Und selbst sich als ein Narr erweist, Von Toryschelmen angeführt, Die mit den Stuarts intriguirt. Pasquill’ auch, die schon längst verschollen, Ob jener Zeit und voll von Schmollen. Nimmst du den Gulliver zur Hand, So siehst du in dem letzten Band Nur eine Lüg’ in jedem Wort; Dort ist ihm schier das Herz verdorrt. Nicht eine Predigt wirst du schaun, Um fromme Seelen zu erbaun.“ „Ein Urtheil nun vermeidet Swift, Das seine Werke selbst betrifft. Stets ward von ihm verachtet schier Der Recensenten Jagdrevier; Nur Eines ward von ihm begriffen: Ein jeglich Buch ward schnell vergriffen, Wann Swift sich als Verfasser nannte, Wobei er stets als Zweck bekannte, Bei Unterhaltung zu belehren. Will letztres nie die Welt begehren, Wird’s ihr allein zur Schmach gereichen, Doch Swift wird künft’gen Ruhm erreichen. Sein Eigenthum (nur wenig traun), Verschenkt’ er, um daraus zu bau’n Ein Narrenhaus, um so zu zeigen, Ein Hauptbedürfniß, Britten eigen. Ihr braucht nicht mehr vor ihm zu bangen; Wird seine Asche Ruh’ erlangen?“