German poem
Weihnacht
by Karl Bartsch (1832–1888)
Wie war’s in jenen gold’nen Tagen, Wo jede Nacht in schönem Traum Den lichterhellen Weihnachtsbaum Vor deinen Augen aufgeschlagen, Bis die ersehnte Stunde kam Und dem erwartungsvollen Knaben Mit tausend bunten Liebesgaben Das Sehnen von der Seele nahm?
War’s denn allein der Gaben Prangen, Was deine Seel’ in Lust geschwellt, Als sei ihr eine neue Welt An jenem Abend aufgegangen? Was mächtig wie ein Freudenstrom An deinen jungen Busen stürmte, Der ziellos seine Wünsche thürmte Zum sternenhellen Himmelsdom?
Was war es, was in glüh’nden Farben Noch jetzt in deine Seele taucht, Wo all’ die Lichter längst verraucht, Wo all’ die Lieben lange starben, Was noch in der Erinn’rung Licht Dein alternd Herz macht höher schwellen, Noch jetzt in warmen Thränenquellen Aus deinen milden Augen bricht?
Das war’s: du sahst den Himmel glänzen Mit tausend Sternen weit und groß, Und war dein Wünschen grenzenlos, War auch dein Hoffen ohne Grenzen. Mit jedem umgestürzten Glück Sahst eine Hoffnung du zerstieben, Und nur der Sehnsucht Schmerzen blieben In deiner wunden Brust zurück. Karl Bartsch.