Versos German Karl Heinrich Heydenreich Der erste Mai

German poem

Der erste Mai

by (1764–1801)

Listen in the reader

Willkommen, Erstgebohrner des schönen Mays! Tag heilger Wonne! Werth daß der edelste Der Weine fließe und des Liebreiz Göttinnen scherzend im Chortanz schweben!

Sey mir willkommen, Liebling und Stolz des Jahrs! Willkommen, die du wiedererwachend jetzt Uns lächelst, holde Lebensblüthe Unsrer zum Alter schon flieh’nden Erde! Einst, da des ersten Frühlings milder Geist Die neugebohrne schmeichelnd umsäußelte, Und jugendlich im heilgen Strahle Goldner Jahrhunderte sie sich wiegte.

Da schwebte dieser freundliche Frühlingswind Mit nimmer müden Fittigen um die Flur, Und ohne Saat und Menschenpflege Glänzten die Felder von reichen Früchten.

So sanft durchwehn die Inseln der Seeligen Wohlthät’ge Lüfte, wehn und verwehen nie, So wallen ewige laue Weste In der Unsterblichen heilgen Fluren.

So säuselt’s durch den dämmernden stillen Hain Der stummen Schatten, lispelt mit Zauberhall Um der Vergessung holde Quelle, Spielt in der Trauercypressen Zweigen.

Und wenn einst Gott mit heiliger Flammenglut Die Erde läutert, und die Jahrhunderte Des goldnen Friedens und der Unschuld Jugendlich prangend ihr wiederkehren, Dann wallet, ahnd’ ich, eben der sanfte Geist Um die verjüngte, wallt und verwallet nie, Und unsrer Seelen Aetherhüllen Leben des ewigen Frühlings Lüfte.

O, sey gegrüßt mir, Erster des schönen Mays! Tag hoher Ahndung! Sey mir gegrüßt, du Bild Des Jugendlebens unsrer Erde Und der verjüngenden heilgen Zukunft!

Professor Heydenreich.