German poem
An Julius
by Karl Ludwig Methusalem Müller (1771–1837)
Grünen die Birken an des sanften Hügels Leis sich neigendem Abhang, wo im Thale Ueber Moosgestein der erzürnten Sprea Wogen sich stürzen? Hauchet das Veilchen auf dem weichen Rasen Schon den würzigen Duft, wo sanft umschimmert Von der Blättchen bebendem Gold der Erlen Kronen sich neigen? Hörest du schon wie in des Haynes Tempel Sanft und liebend Aeodi’s Lied erschallet, Und den seelenschmelzenden Ton die milde Echo erwiedert? In dem smaragdnen Grün des jungen Saaten In dem dunkleren Blau des klaren Himmels Aus dem Spiegel stiller Gewässer lächelt freundlich die Liebe. Aber du sitzest ernst im stillen Zimmer, Wägst auf tönender Waage schwere Thaten, Thaten, die dein liebendes Herz in ewge Dunkelheit hüllte; Oder du steigest mit des Tiefsinns Fackel An der leitenden Hand erfahrner Weisen Nicht geschreckt von Furchtsamen in des Herzens schaurigen Abgrund, Lauschest der Stimme, die im eignen Busen Dir des Rechtes verkannte Sprüche deutet, Und es schätzt dein kräftiges Wort der Freiheit heilige Regel. Aber auch hier verlassen ihren Liebling Nicht die Töchter Chronions, streuen lächelnd Auf die ernste Rede der holden Dichtkunst goldene Blumen. Blicke durchs Fenster! schau die Rosengluten Dort am Saume der grünen Erd’ erblassen Schon zu falbem Schimmer, es athmet Kühlung friedlich der Abend! Auf und verlaß des Codex schwere Bände Tauche unter den Geist ins junge Leben Das dich rings ein wogendes Meer umflutet schaffender Kräfte, Wohnet nicht hier des Herzens stille Ruhe, Wo das weise Gesetz der Ordnung waltet, In der Schönheit freyer Gestalt, ein Sinnbild menschlichen Adels? Siehe wie dort im Blüthenschatten Amor Mit den lieblichen Kindern Florens scherzet. Ernster Jüngling! fürchte des kleinen Gottes glänzenden Bogen. Fliehest du unmuthsvoll die losen Freuden Und das kältende Eis der Etikette, Nehme dich die große Natur an ihren wärmenden Busen! Denke dann meiner, wenn voll stiller Andacht Sich dein fühlendes Herz zu ihm erhebet, Der den Frühling schenket der Erd und Liebe edleren Geistern!