German poem
Im Wagen durch den Englischen Garten fahrend
by Klabund (1890–1928)
von Klabund Für Carla
Im Wagen durch den Englischen Garten fahrend, Nachts, roter Mond über dem Kleinhesseloher See, Nebel über den Wiesen, Dämmerung vor meiner Seele – Mir ist so schwach in den Knien vor Sehnsucht nach Dir.
Der Kutscher schläft. Das Pferd läuft im Halbschlaf. Gott schläft. Die Erde rollt ziellos durch den Raum. Ich bin überwach. Ich komme von Dir. Ich fahre zu Dir. Alle Wege führen mich an Deine Brust.
Seit Wochen lasse ich Dutzende von Briefen uneröffnet liegen. Ich gehe nicht unter die Menschen. Sie sind mir widerlich. Mit einem kleinen Hund, einem melancholischen Rehpinscher, gehe ich gern spazieren Oder mit Dir.
In dieser regnerischen kalten Einsamkeit Des tristen Sommers an mich hingeweht Wie ein Leuchtkäfer auf einen Grashalm – Ich spüre, daß ein Herz an meinem schlägt.
Dein Mund springt manchmal auf wie eine rote, reife Feige. Nachts, roter Mond über dem Kleinhesseloher See, Im Wagen durch den Englischen Garten fahrend, Hinter den Schläfen donnert der Niagara meiner Sehnsucht.