German poem
Weißt Du, was mich schrecklich kränkt?
by Lili Grün (1904–1942)
Daß ich um Deinetwillen nichts verlassen kann. Keinen Vater, keine Villa, nicht mal einen Ehemann. Ich wär’ so gern eine Königstochter von kaum siebzehn Jahren. Und ich würde täglich in der Kutsche fahren. Diese Kutsche wär’ aus purem Gold, Und so käm’ ich denn vorbei an der Kaserne, Wo Du stündest in meines Vaters Sold, Und es träfen sich die Augenpaare, meine schwarz und Deine grau, Und ich sähe Deine blonden Haare Und verließe Vater, Reich und Krone Und am nächsten Tag schon wär ich Deine Frau.
Wenn ich wenigstens ein Filmstar wäre, So ein richtiger Vamp aus Hollywood, Für den Männer täglich sich erschießen, Literweis’ ihr Blut vergießen. Eines Tages würd’ ich auf ein Gastspiel Kurz entschlossen an die Moldau ziehn, Und die Leute schrien Bravo, Hoch und Bravo, Lili Grün! Eine tausendfache Menschenmenge sähe meiner Ankunft zu Und von all den Vielen, Vielen würd’ ich einen nur erblicken: Das wärst Du!
Wenn ich allerwenigstens ’ne Dame der Gesellschaft wäre, Groß und schlank und stadtbekannt, Und ich säß’ in meinem roten Auto blaß und interessant — Kämst Du dann auf meinen Wegen eines Tages mir entgegen, Zum Entsetzen aller Menschenkinder Ließ ich meinen Achtzylinder Mitten auf der Straße stehen, Um mit Dir zu gehen!
Ach, wie gerne würde ich für Dich fliehen Ueber hohe Zäune mit zerriss’nen Schuh’n, Doch wozu Soll ein Mädchen Ohne Anhang Sowas tun?