Versos German Ludwig Anzengruber Die Spinnen und die Fliegen

German poem

Die Spinnen und die Fliegen

by (1839–1889)

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In einem Schlösschen, das verlassen Und darum halb verfallen stand, Herbergten in den öden Räumen Viel Dutzend Spinnen an der Wind.

Gesundheit halber aber mochte Der letzte der Insassen hier Zerbroch’ne Scheiben nicht vertragen Und flickte alles mit Papier.

Er schnitt dadurch den vielen Spinnen Der Nahrung Zufuhr gründlich ab, Von aussen kam nicht eine Fliege, Wie es bald innen keine gab.

Die netzewebende Gemeinde, Die wusste nicht, wie ihr geschah, Und war nach langem, grimmen Fasten Dem bittern Hungertode nah.

Da ward für den, der Kraft noch fühlte, Die Selbsterhaltung zum Gesetz, Er lud beim Schwächern sich zu Gaste Und frass ihn auf im eignen Netz.

Doch als zu höchst die Not gestiegen, Da fügte sich, dass vor dem Schloss Ein muntrer Knab’ vorbeigezogen, Den lange Weile just verdross.

Er raffte Kiesel auf vom Wege Und nahm die Fenster sich zum Ziel, Nur wenig heile Scheiben blieben Nach diesem ritterlichen Spiel. Und durch die Lücken schwärmten Fliegen In Hülle und in Fülle ein, Die Spinnen sagten: Gottes Güte Regierte sichtbarlich den Stein!

Sie falteten die Vorderbeine Und dankten ihm, der alle nährt, Und haben dann mit frommen Sinnen Die Fliegen reinlich aufgezehrt.

Doch meinte deren Schwarm hinwieder – Der rings bestrickt vom Tod sich fand – Die Scheiben habe ausgebrochen Der Satan mit selbsteigner Hand.

Entging den grimmen Stricken eine, Durch Gottes Huld hielt sie sich frei, Und ward sie dennoch aufgefressen, So meint’ sie, dass es Prüfung sei.

Das gilt von Fliegen und von Spinnen, Die an Vernunft nicht überreich; Doch sind wir klugen Menschen ihnen, Gottlob, in keinem Punkte gleich.