German poem
Die Fabel von der Nase
by Ludwig Aurbacher (1784–1847)
Die Tafel war gedeckt zum Fest; Es traten ein die hohen Gäst’; Darunter auch ein Ritter war Mit grauem Bart und rothem Haar Und einer ungeheuren Nase.
Der Narr, der mit zu Tische stand, Die Nase gar possierlich fand; Er lugt sie an, er lacht sie an. Und spricht, daß’s Jeder hören kann: Hu! welche große, grause Nase!
Der Herr, ob dieser frechen Red’ Den Narren streng bestrafen thät; Der merkt es sich, und geht in sich, Und spricht gar leis und höfelich: Ei! welche kleine, feine Nase!
Der Herr, ergrimmt ob diesem Wort, Schafft alsobald den Narren fort; Der sinnet nach und grübelt nach. Und spricht, um abzuthun die Schmach: Gelt: du hast wohl gar keine Nase!
Und hat euch nun die Mähr ergötzt, So merkt euch diesen Spruch zuletzt: Wer über fremde Mängel spricht, So gut er’s macht, er trifft es nicht – Das lehrt die Fabel von der Nase.