German poem
Die Frau von Altdorf
by Ludwig Pfau (1821–1894)
Die Frau von Altdorf.
Zu Altdorf war ein stolzes Weib, In Sammet ging ihr schöner Leib; Sie saß im hohen Saale, Und Becherklang und Jubelruf, Die wälzten sich zu Thale.
Doch horch’! wer pocht und klopft am Thor? Die Frau von Altdorf trat hervor: „Wer hat mich angerufen?“ Drei Kinder und ein Bettelweib, Die saßen auf den Stufen.
„Brod meinen Kindern!“ – „Weg die Brut! Ha! muß ob euch ein adlich Blut Vom Feste niedersteigen? Wer keine Kinder nähren kann, Der muß auch keine zeugen!“
„Ihr Reichen! ihr habt von der Welt Genommen, was euch wohlgefällt, Was ist’s, was uns noch bliebe, Wenn nicht das bischen Sonnenlicht, Wenn nicht das bischen Liebe?
Da nimm noch meinen Fluch und geh’! Zwölf Kinder soll mit Ach und Weh Dein stolzer Leib gebären, Und dennoch sollst du Mutterlust In Ewigkeit entbehren!“
Die Frau von Altdorf ging mit Hohn; Doch ach! Im Schoose spürt sie schon Geheimnißvolle Schmerzen, Und junges Leben sproßt und quillt Ihr mächtig unterm Herzen.
Da lag sie nun in Weh und Pein; Schon ist aus ihres Leibes Schrein Ein weinend Kind genommen; Doch Kind um Kindlein ringt sich los, Bis zwölf zur Welt gekommen.
Da trat der Burgherr wild herein: „Kehrt so bei mir der Segen ein? Sechs Mägdlein und sechs Knaben? Ha! treulos Weib! – da nehmt die Brut Und werft sie in den Graben!“
Was ringst du nun die Hände wund? Was schaust du weinend in den Grund Mit aufgelösten Haaren? Hast du nun Mutterlust und Qual, Du Stolze, selbst erfahren?
Und fortan klagt sie den Verlust: „O Mutterweh, o Mutterlust! Du willst nicht von mir weichen; Dich gab Natur dem Weib in’s Herz, Dem armen, wie dem reichen.“