German poem
Das letzte Pfand
by Ludwig Würkert (1800–1876)
Es ist der Tag vor Ostern, Warm treibt der Frühling schon, Geendet hat nun Sang und Predigt Von „Kreuz und Dornenkron’“.
Im Auferstehn zur Freude Regt Alles draußen sich hold, Still breitet auf Berge und Thäler Das Leben sein Ostergold. Da beugt sich die Wittwe zur Truhe Im dürft’gen Kämmerlein, Ihr ist’s nicht wie Ostern und Freude, Sie weint in die Truhe hinein.
Mit zitternder Hand dann hebt sie Ein Kreuzlein mit Kette hervor, Das einst als Braut sie empfangen Vom Manne, den sie verlor.
Dann küßt sie das Kreuz und herzet Zugleich ihr fieberndes Kind, – Geht hin zum Pfänderverleiher, Der forscht und bietet geschwind.
Und draußen klingen die Glocken, Der Tag vor Ostern ist’s ja, – Und tief in der Seele der Wittwe Sind „Kreuz und Dornen“ noch da.
Und Kreuz und Dornen, sie bleiben, Ob Ostern kommt oder geht, Doch hat sie – ist Alles verpfändet – Ihr Kindlein und Ostergebet.