German poem
Wandsbeck
Gesetzt du wärst, dich zu erfreun Und ob des Leibes Stärke, In Hamburg (Fleisch und Fisch und Wein Sind hier sehr gut, das merke!)
Und hättest Wandsbeck Lust zu sehn, Und bist nicht etwa Reiter; So mußt du aus dem Tore gehn, Und so allmählich weiter.
Zu Wagen kannst du freilich auch, Das kann dir niemand wehren; Doch mußt du erst nach altem Brauch Des Fuhrmanns Meinung hören;
Und wenn der nichts dagegen hat, So hab ich nichts zu sagen. Reit oder geh, doch in der Tat Am besten ist's zu Wagen.
Nur siehe fleißig vor dich hin, So wirst du schaun und sehen Da einen Wald, wo mitten drin Lang Turm und Häuser stehen.
Ad vocem Turm fällt mir gleich ein, Daß einst im Pisa-Lande Mit dreien Kindern, jung und fein! Ein Mann von hohem Stande
Verriegelt worden jämmerlich, 's ist schrecklich zu erzählen Wie da der Alte mußte sich, Wie sich die Kinder quälen.
Wer nicht versteht Reim und Gedicht, Kann ihre Qual nicht sprechen; Sie saßen da, und hatten nicht Zu beißen, noch zu brechen,
Und hatten Hunger – ach, der Tod War hier Geschenk und Gabe. Drei Tage lang bat Gaddo Brot, Dann starb der arme Knabe.
Um seine kleine Leiche her Wankt Vater, wanken Brüder, Und starben alle so wie er Nur später – aber wieder
Zu kommen auf den Turm im Wald, Den du tust schaun und sehen; So merke nun auch, was gestalt Mit dem die Sachen stehen.
Erst, ist in ihm kein Hungerwurm, Denn ist da, zweitens, Lehre, Und kurz und gut, es ist der Turm Von unsrer Kirche, höre,
Wo unser Pastor Predigt hält, Und unser Küster singet, Und uns ein Wunsch nach jener Welt Durch Mark und Beine dringet.
Ja, Kirche und Religion – Sie haben's groß Gezänke, Viel haben's Schein, viel ihren Hohn Und lachen drob, man denke!
Und ist doch je gewißlich wahr, Daß sie es nicht verstehen; Und daß sie alle ganz und gar, Was drinnen ist, nicht sehen.
Der Augenschein lehrt's jedermann: »Wer so viel schöne Gaben Für Ohr und Auge geben kann, Muß auch was Bessers haben –
Der Mann mit Mondstrahl im Gesicht Wird's suchen, und wird's finden, Doch jedem Narren muß man's nicht Gleich auf die Nase binden.«
Schön ist die Welt, schön unsre Flur, Und unser Wald vor allen Ist schön, ein Liebling der Natur, Voll Freud und Nachtigallen.
Und wer uns widersprechen will, Der komm und hör und sehe, Und seh und hör und schweige still, Und schäme sich, und gehe!
Viel große Kunst ist zwar nicht hier, Wie in Rom und Ägypten; Doch haben wir Natur dafür, Die auch die Alten liebten,
Und der läßt man hier ihren Lauf, Und folget ihren Winken, Und stutzet sie ein wenig auf Zur Rechten und zur Linken.
Und so ward endlich unser Wald, Wo man bald Saatfeld siehet, Bald wilder Waldwuchs ist, und bald Ein Musa-Pisang blühet,
Und bald durch Öffnungen, mit List Im Walde ausgehauen, Die große Stadt zu sehen ist, Voll Männer und voll Frauen,
Und bald, und bald – ein Dichtermann Der würd es recht beschreiben; Weil ich nun aber das nicht kann, So muß ich's lassen bleiben.
Genug, ein jeder drängt heraus, Zu leben hier und sterben, Und baut sich hier ein kleines Haus Für sich und seine Erben.
Die Mode, welche Städter zwängt, Ist hier gehaßt, wie Schlangen, Und hoch an unsern Eichen hängt Bocks-Beutel aufgehangen,
Und wer hier kömmt, sei wer er sei, Nur habe er Dukaten, Ist ganz sein eigner Herr, und frei, Und mag sich selber raten,
Und singen, springen kreuz und quer, Ohn allen Zwang und Wächter. Auch sieht man hier von ohngefähr Hammonas schöne Töchter,
Wenn sie in Negligé und Pracht, Darin sie Herzen nehmen, Von Morgen an bis in die Nacht Durch unsre Gänge strömen.
Und Tycho-Brah – bald hätt ich gar Herrn Tycho-Brah vergessen – Der hier vor mehr als hundert Jahr Den Himmel hat gemessen.
Er selber zwar ist hier nicht mehr, Er hat längst ausgemessen, Doch sieht man noch zu seiner Ehr Den Turm, wo er gesessen.
Der Turm ist uns ein Heiligtum, Vor dem uns abends grauet. Er war von vielem Alter krumm, Ist aber neu gebauet,
Daß er nicht täte einen Fall, Nun will er auch wohl stehen. Wir aber wollen den Kanal Samt Wendemut besehen.
Doch Freundin Luna kömmt daher! Empfangt mich Büsch und Bäume! – Ihr stilles Zauberwort ist mehr Als hunderttausend Reime.
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