German poem
Abend und Morgen
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
Dich grüß ich still, o linder Abend; Denn alle Fesseln lösest du, Die mir am Tag die Seele banden: Du endlich wehst mir Frieden zu.
Ich fühl ein seliges Genügen, Als wär mein Lebenswerk vollbracht, Ein starkes, ruhiges Entsagen, Als möcht ich sterben über Nacht.
Und weiß, ich grüße dich, o Morgen, Mit neuem, siegesfrohem Mut Und trag dir mit der jungen Erde Entgegen meine Liebesglut.
Von nie gekannten Lebenskräften In tiefer Seele regt sich's nun Und ruft mit tausend hellen Stimmen: „Noch ist die Stunde nicht, zu ruhn.
Dein selbstzufriedenes Genügen War einer schwachen Stunde Wahn; Sieh hin! Aus Nebeln steigt die Sonne: Ein neuer Weg ist aufgetan!“