Versos German Otto Ernst Schmidt Der alte Hahn

German poem

Der alte Hahn

by (1862–1926)

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Ein alter Hahn, Der stets mit Fleiß das Seinige getan, Lag schnappend, abgelebt und mager Auf seinem Sterbelager, Und schluchzend, Glucksend Umstand der Gattinnen, der Kind' und Kindeskinder Heer Den armen Mann. „Ach, meine Lieben, ach,“ so keucht' er schwer, „Wie ich gelebt, ich kann Vor Gott und Hühnern es nicht eben rühmen. Ich folgte nur zu gern den ungestümen Begierden meiner Brust; Umkrallt hielt mich die schnöde Sinnenlust; O glaubt es, glaubt es mir: sie ist vom Teufel! Jetzt steht mir's außer Zweifel. O meine Lieben, seid—“ er haucht's gewaltsam Mit letzter Kraft—„Geliebte, seid enthaltsam!“ Erschöpft sank er zurück.

Das Korps der Hennen Ließ nicht mit Sicherheit erkennen, Was seine Meinung sei. Man widersprach nicht, stimmte aber auch nicht bei Und sah zu Boden keuschen Angesichts. Auch Söhn' und Enkel sagten lange nichts——— Bis dann der jüngste, Nicht geringste Der Gockel doch das Schweigen brach Und sprach: „Verehrter, heißgeliebter Urpapa! Von deines Worts erhabener Gewalt Erschüttert steh'n wir da; Bewahren wollen wir es im Gedächtnis Als heiligstes Vermächtnis. Wir freilich sind nun wohl zu alt, Um einen andern Weg noch einzuschlagen; Doch wollen wir's—das schwören wir dir zu— Mit Ernst und Nachdruck unsern Kindern sagen!“

Darauf verschied der alte Hahn in Ruh'.