Versos German Otto Ernst Schmidt Ein Besuch

German poem

Ein Besuch

by (1862–1926)

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In jenem Hause war ich, wo man Tiere Bewacht und füttert, welche Menschen heißen, Wo dem gebornen Wahnsinn ein Asyl Man bietet und den Stumpfsinn zärtlich pflegt, Daß dem Gesunden sich bei seinem Anblick Vor starrem Schreck das Hirn im Kopfe löst Und einen eigensinnigen Wirbel tanzt.—

In jenem Hause war ich, wo der Mensch Am Boden hockt wie ein verschüchtert Tier. Die Augen rot und stumpf, die Haare gelb Wie trocknes Stroh und schwammig aufgedunsen Die grauen Wangen—: so, sich selbst begeifernd, Die Zähne fletschend oder äffisch grinsend, Dann plötzlich wild die ungeschlachten Glieder Wie Mühlenflügel drehend, sah ich sie, Aus deren Lallen Gott kein Lob erschallt.— Sieh diesen da, wie er die Nägel gräbt In die Matratze, wie er kratzt und kratzt, Aufwühlend seines Lagers Eingeweide: Er sucht, so scheint mir, seines Daseins „Zweck“. Und jener Greis, der uns entgegengrinst, Der närrisch tanzend unsre Hände faßt Und uns sein Spielwerk zeigt: ein blökend Schäflein, Das ihm auf Rollen durch die Stube folgt— Mich packt und schüttelt Frost—hinweg!—er wird Sogleich uns gellend in die Ohren schreien: „Verfluchte Welt, wo ist mein Menschentum?“

Auf der Materie weißes Blatt gedrückt Hat hier der Geist ein schief-verschwomm'nes Bild. Stoff ohne Geist erblick ich schaudernd hier, Und tiefer schaudernd noch empfind ich Geist, Der der Materie Grenzen überschritten Und heimatlos in öder Leere schwärmt.—

In jenem Hause war ich—wenn du dort Gewesen, mundet dir die Welt nicht mehr Für lange Zeit, und erst mit vielen Monden Rollt auch der Vorhang des Vergessens nieder. Was du gesehen, legt so schwer und dumpf Sich hinter deine Stirn, daß du nur leis Des Geistes Auge aufzuschlagen brauchst, Um stets das gleiche Grauenbild zu sehn. Und immer fragst du dich: Wozu die Sonne Am Himmel noch? Wozu noch wandeln Sterne? Warum entströmt der nimmermüden Erde Mit jedem Lenz der Auferstehung Duft? Wozu ihr blüh'nder Leib, wenn er, befruchtet, Ein Menschenkind als eklen Wurm gebiert? Ist nicht das Streben unsres Geistes, ist Nicht sein Besitz ein großer, hohler Bettel? Denn—fanden wir das Glück—wo bleiben diese?

In jenem Hause war ich; fortgeschleudert Von diesem Erdball schien ich mir; ich sah Wie eine taube Schnuppe ihn den Weltraum Durchirren, und von diesen Tollen einer Schlug mit der Hand danach: Ein Wölkchen Staub!

Herbei, ihr glaubensvoll beglückten Brüder, Die mitten ihr ins All den Gott uns setztet, Euch selbst zur tröstlichen Beruhigung, Herbei und wandelt mit durch diese Hallen!

Das Übel dieses Daseins ist entweder Von Gott gesandte Strafe oder Prüfung. Nicht wahr, so lehrt ihr doch? Und werft dabei Des läst'gen Zweifels brennende Gedanken Aus einer Hand behutsam in die andre, Bis sie sich abgekühlt. Warum nun wird Allhier gestraft und wozu wird geprüft? Ein artiges Problem für euren Witz! Wir Gottes Ebenbilder? Und was sind Nun diese? Gottes Ebenbilder auch? Wollt' er in genialer Schöpferlaune Sich selbst verhöhnen, als er diese schuf? Das konnt' er nicht! Denn Gott ist ja die Liebe, Und Liebe weint, die solchen Jammer sieht. Wie, oder büßen sie der Väter Sünden? Ich bitt' euch, sagt das nicht, auch denkt es nicht! Denn wer es nur in meiner Nähe denkt, Dem Pharisäer fahr' ich an die Kehle!— Kommt mit, wir wollen lieber beten gehn. Ich bete mit, wenn mir's schon nicht behagt, Auf eure Art zu beten. Habt ihr dort Den mißgebornen Seelen eine Kirche Nicht jüngst erbaut? Wir weihen sie nicht besser, Als wenn wir Gott in ihren Hallen suchen Und also betend vor ihm niedersinken: „Allmächtiger, gerechter Gott der Liebe! Du träufelst Tod auf die erblüh'nden Lippen Des holden Säuglings, den in Schlummer wiegt Die frohe Mutter; Sterben träufelst du Dem Mann ins heitre Aug', das hoffend blickt Ins weite Feld der goldnen Zukunftssaaten; Zum letzten Schlaf berauschest du die Braut, Wenn schon ihr Geist im Myrtenzauber träumt— So laß mit ernstem Ringen dich erbitten: Auf diese Stätte einen Tropfen Tod! Des Todes Wolke laß auf diesen Greuel Herniederfallen, den du nicht gewollt!“ Denn, meine Brüder im Gebet, gewiß: Jehovah reut es, daß er diese schuf. Die Bibel lehrt uns ja, daß er bereut. Er will sich nur von diesem Irrtum nicht So wohlfeil lösen wie durch jene Flut, In der er alles Lebende ersäufte. Wenn aber wir ihn bitten mit der Kraft Inbrünstigen Gebets, wenn in die Hand Wir ihm mit allem Schmerz des Mitleids fallen, So muß sich ja sein göttlich Herz erweichen, Und segnen muß er unsre Hände, wenn Sie töten, was dem Tod geboren ward. O seid versichert: Dankend und frohlockend, Mit heißen Tränen himmlischen Erbarmens Empfängt er den verlornen Staub zurück. Fortströmen läßt er ihn von neuem dann Ins All und—um unsäglich Leid zu lohnen— Läßt er auf bess'rem Stern zu Tage keimen, Was hier erlöst in Todesnacht versank, Läßt er, was hier verdorrt am Zweige hing, Den Morgentau des Paradieses trinken!—