German poem
Erscheinung
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
Eine düstre Wolke seh ich schwimmen Durch den abendlichen Himmelsraum. Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen Zarte Lichter wie ein Flockensaum.
Gleichwie starrgewalt'ge Bergesschroffen Ragt die Wolke hoch in den Azur. Doch um ihre Stirne lichtgetroffen Hängt des Alpenglühens Rosenflur.
Denn verborgen hinter jener Mauer Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, Blickt nach dort verklärten Angesichts.
Also sah ich düst're Menschenstirnen In den Grenzen dieser Erde auch: Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen Eines fremden Lichtes leiser Hauch.
Augen sah ich, die dem Hier entrinnen, Das mit Tränenschatten sie umhüllt; Doch versunken war ihr Blick nach innen Und von dort mit seligem Glanz erfüllt.—