German poem
Mit der Natur
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
O meine Bäume! Seit meiner Kindheit ahnenden Tagen Sprech' ich zu euch, ihr edlen Vertrauten, Sprech' ich in stummer, geheimer Sprache, Und ihr versteht mich Und atmet mir Antwort.
Wenn von euren dunklen Wänden Meine Seele widerhallt— Wie wehende Andacht Verschwiegener Hallen, Wie heiliges Grauen Verlassener Tempel Faßt es mich an.
In reiner Frühe such ich euch Erquickten Auges, Und sieh: in euren Zweigwinkeln lauschen Tage der Kindheit, Auf euren Wipfeln wiegen sich Tage der Wandrung.
Aber am sinkenden Abend, Wenn silberne Elfenluft durch eure Zweige blickt Und Birkenschleier im Mondlicht hangen, Wenn der leuchtende Himmelswandrer Mondhingewandte Seelen bindet Mit saugendem Licht, Dann hangen an euren Stämmen Schatten der Schwermut, Und im Gewirr eurer Zweige Leuchten und dunkeln Geheimnisse Wie in der Brust erhabener, Gottversunkener Seelen.
Wie oft, wenn drängende Mittagsglut, Mit tausend Pfeilen das Haupt umschwirrend, Zur Qual mir ward, Fand ich zu euren Füßen Hundertjährigen Schatten, Der die Sinne schmeichelnd befängt Wie hundertjähriger Wein. Dann, ihr grünen Himmelsleitern, Lag ich, ein Sohn der Verheißung, Träumend an eurem Fuß, Und an euren Ästen stiegen Auf und nieder Himmlische Hoffnungen.
Euch, ihr Bäume, Acht ich des Schöpfers Göttlichste Kinder. Ihr wart vor uns Lebenden, Und eure Kronen bewahren Vergangenes in rätselvoller Sprache Ihr werdet nach uns sein, Und euer Inn'res Hegt Keime der Zukunft In ernstem Schweigen. Und unbekümmert Um Vergangenes und Künftiges, Spendet ihr, Wissende, Frucht und Schatten, Duft und Schönheit. In schweigender Hoheit Wachst ihr empor Über der Menge Geschrei und Gewühl, Und überhebt euch nicht, Neigt euch milde Zu den Menschen Und blickt fromm Zu nächtlichen Sternen.
Menschen, die ihr mich liebt, Pflanzt Bäume mir auf das Grab, Daß ihre Wurzeln meinen Leib umfangen Wie sorgende Arme, Und ihre Häupter, sich neigend, mir singen Von Lenzen, die ich ersehnt Und nicht mehr gesehn.