German poem
Nacht und Morgen
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
Ich lag auf meinem Bette In später Nacht noch wach. Noch immer schritt der Schatten, Der grause, durchs Gemach,
Der mich die Nacht gemartert Mit ewigem Auf und Ab, Ein ruheloser Schemen, Den ausgespien das Grab.
Mit aufgerissnen Lidern Hab' ich gespäht, gewacht— O grauer Wandrer Sorge, Wann endet diese Nacht!
Wenn mich mit zartem Schleier Der Traum bedecken will, Stehst plötzlich du am Fuße Des Lagers drohend still,
Bohrst mir ins Hirn die stieren, Die grauen Augen dann— Und gleichen Schritts von neuem Hebst du zu wandern an.
Erbarmungsloses Pendel, Dein Schlag ist Ewigkeit! Gärt's nicht im kranken Herzen Wie tiefgeheimer Neid,
Wenn draußen durch die Bäume Ein Traumgeflüster weht Und rings der leise Atem Der längst Entschlafnen geht?—
Doch sieh, was wächst aus Dämmrung Der Frühe dort hervor? Mein Kindlein richtet langsam Im Bette sich empor
Und blickt mit großen Augen Ins erste Morgenlicht, Und frohes Staunen leuchtet Im lieblichen Gesicht—
Noch immer blickt durchs Fenster Sein Auge selig fern, Und leis von seinen Lippen Fällt's wie im Traum: „Ein Stern!“