German poem
Tändelei
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
Bitte bitte! soll ich sagen, Um ein Küßchen zu erlangen? Meinen Stolz willst du versuchen, Allerlistigste der Schlangen!
Schnippisch trotzt das rote Mündchen, Das so oft zum Kuß bereit war. Meinst: mein Recht, dich abzuküssen, Wär' durchaus nicht unbestreitbar.
Nur durch fromme Unterwerfung Würd' ich wert so hohen Lohnes— So versicherst du „entsklavten“, Frauenrechtsbewußten Tones.
Und du glaubst, ich würde bitten? Meine heilige Manneswürde, Denkst du, würde ruhig tragen Solcher feigen Knechtschaft Bürde?
Mann bin ich und dein Gebieter, Und der Macht geziemt kein Bitten; Doch ein Recht zum Raube hat sie; Noch ist ihr's nicht abgestritten!
Und—schon hab ich meine Beute!— Nun? Dein Trotzen, sag, wo blieb's denn?— Und sie haucht: „Ach, die geraubten Küsse geb' ich dir am liebsten!“