German poem
Lindaraja’s Gefangenschaft und Befreiung
by Otto von Loeben (1786–1825)
Harmlos gleitet hin das Schiffchen, Eine von den schönsten Barken, Auf dem abendklaren Strome Durch des Landes blüh’nde Marken.
Auf den Sitzen, in der Runde Hingezogen, drängt zum Kranze Holder Jungfraun Jugendblüthe Sich zusammen wie im Tanze
Mit des Wassers goldnen Wellen; Und wie eine höhre Pflanze, Königin der andern Schönen, Raget Ein’ im Lilienglanze
Aus den Blumen, aus den Wogen Auf zum wolkenfreien Azur, Der sie einzufassen eilet, Perle, in sapphirnen Lazur.
Und vom Ufer fügt das Grüne Um das Kleinod noch Smaragden, Und das Feuer der Demanten Reiht sich dran aus Wasserschachten.
Also schwimmt wie eine Krone In den Abend hin der Nachen, Wie die Sonne dort versinket, Scheint ein’ andre zu erwachen.
Die so fähret auf den Fluten, Ist ein’ edle Morendame Aus den Königreichen Spaniens, Lindaraja ist ihr Name. Lindaraja, sprich, was blickst du Traurig und auch sinnig ahnend In das Wasser, seinen Weg sich Hin zu nahem Schlosse bahnend?
Auf dem Schloß am Wasser wohnet, Der den Gatten ihr erschlagen, Und in edler Morenfehde Stolzen Sieg davon getragen.
Er ist Graf von Barcelona, Will die Wittwe nun empfangen, Und sie soll im Schloß vergessen Daß sie einsam und gefangen.
Dieses überdenkt sie trauernd, Wie sie kommt dem Pallast nahe, Vor des Grafen Anblick schauernd, Den sie nimmer noch ersahe.
Sinnend steht sie, wenn sie senket Ihre Augen nach den Wassern, Vor’ger Tage still gedenket; Und mit immer, immer nassern
Blicken denkt sie eines Ritters, Eines Spaniers ohne Tadel, Den sie einst durch goldnen Gitters Blumen grüßte, Blum’ an Adel.
Der ihr Herz ihr dann gewonnen, Den ihr weißer Arm umfangen, Der in ihrer Augen Bronnen Sah sein Ritterbildniß prangen,
Dem sie in die Seele stralte Auch ihr Herz zur Gegengabe, In sein Herz es brennend malte Mit des Blickes Zauberstabe.
Liebewund von Amors Pfeile, Zog der Ritter drauf von dannen, Auf der letzten Küsse Rosen Viele heiße Zähren rannen. –
Sinnig sieht sie, wie das Bild ihr Auf des Wassers Grund sich male, Aus dem Spiegel ihr entgegen Schimmre in der Thrän’ Opale.
Und die Süßigkeit der Thräne Wird verbittert vom Gedanken, Daß sie, treulos dem Gemale, Um ihn schlug der Arme Ranken.
Seinen Namen nannt’ er niemals, Wollt’ sein Bild ins Herz nur graben, Thränen möchten’s dort bald löschen, Bald vom Staub gereinigt haben. –
Und jetzt sind sie unterm Schlosse, Auf dem luftigen Altane Steht der Graf von Barcelona, Sieht hernieder zu dem Kahne.
Schönern Ritter sah man niemals Neigen sich vor einer Dame, Und sein Antlitz sagt, ihn schmücke Auch des bravsten Ritters Name.
Lindaraja unter Thränen Blickt empor, wie Tön’ erschallen, Und dann läßt sie plötzlich wieder Ihre Blicke niederfallen.
Plötzlich knüpft die Perlenschnüre Fest sie an des Halses Glanze, Und den Jungfraun allen sagt sie: Fröhlich! spielt und singt zum Tanze!
In die Wellen will ich tanzen, Mich in Thränen zu begraben, Denn ach! was mein Herz begehret, Dran soll sich mein Herz nicht laben.
Diesen Ritter, diesen Ritter, Der den Gatten mir erschlagen, … O ich kenn’ ihn, diesen Ritter, Aber mehr kann ich nicht sagen.
Lindaraja! ruft der Ritter, Lindaraja! vom Altane, Und sie ruft noch: leb’ wohl, Ritter! Und entschwebt dem goldnen Kahne.
Selber eine Perlenwelle, Schwimmt sie fort im Wassertanze, Und bald folgt’ ihr eine Quelle Von viel heißer Thränen Glanze. O. H. Graf von Loeben.