German poem
Die Sprache
by Otto Zur Linde (1873–1938)
Als sich der Mensch die Sprache schuf In seiner Sünden Wildnis, Was konnt sein Werk wohl anders sein Denn seines Jammers Bildnis?
Denn Sehnsucht nach dem Paradies Und Schmerz des Gottvertriebnen, Denn Trotz der eignen Willenskraft Und Trost des Gottgebliebnen?
Ja, was von Gott kommt, kehrt zu ihm. Durchmisst den Kreis der Sünden. Was ist und ward und wird—es muss Sich alles, alles ründen.
Wohl in der Sprache hat der Mensch Den halben Kreis vollendet; Doch leuchtet sie ihn auf der Bahn, Die rück zu Gott sich endet.
Der Sünden grösste war das Wort, Doch auch der Strafen schwerste; Der Ausfahrt fernste Endstation, Doch auch der Heimfahrt erste.
Nun suchen wir den Weg zurück, Da muss das Wort uns scheinen. So kommen wir vom Schein zum Sein, Zum Glauben durch das Meinen.
Denn was ich meine, das ist mein, Und ist ans Ich gebunden, Und muss auch sterben mit dem Ich, Wenn wir das Du gefunden.
Und brennt der Worte Fackel hell, Sie zehrt am eignen Stamme; Je näher sie dem letzten Stumpf Je höher loht die Flamme.
So wandeln wir den Weg dahin Im Wortschein irdscher Klarheit, So leuchtet uns der Sprache Licht Zur Sonne ewger Wahrheit.
Das ist des Scheines leuchtend Amt, Dass es zum Sein uns lenke; Das ist des Menschen Fluch und Trost, Dass er im Irrtum—denke.
Das ist der Zweck der Konsequenz, Die Busse unserer Sünden: Das sündgend wir von Schuld zu Schuld Den Weg zur Unschuld finden.
Es führt vom Schein kein Weg zurück Auf vor-befahrnen Gleisen; Uns muss der Schein vorwärts durch Schein Zum Sein den Weg uns weisen.
Gott gebe, dass die Fackel brenn', Bis wir zum Ziele kommen; Und dass des Glaubens Licht strahl', wenn Der Worte Schein verglommen.
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