Versos German Paula Dehmel Kasperle Und Der Krieg

German poem

Kasperle Und Der Krieg

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Ein Stückchen fürs Kasperltheater

KASPERLE (allein, singt):

Bummvallera ist nicht da; wo ist Bummvallerallerallera?

(Er gähnt.) Ach, ist die Welt langweilig! Vor lauter Langerweile hab ich schon ein paarmal meine Finger gezählt; aber komisch, es kommt immer was andres raus. (Er zählt an seinen Händen): 1, 2, 3, 5, 7, 8, 10, 12, 14, 15--na ja, nun sind's wieder 15. Na, noch mal: 1, 2, 3, 5, 7, 9, 10, 12, 13, 14--komisch, nu sind's wieder 14. Mal hat der Mensch 15 und mal 14 Finger; und dabei sehn sie immer egal aus.(Es klopft.) Ei, da kommt Besuch. Immer 'rein, meine Herrschaften, immer 'rein! (Polizist kommt.)

POLIZIST:

Bist du der Kasper?

KASPERLE:

Was? Kasper? Herr Kasper heißt es, geehrter Herr Kasper heißt es, wertgeschätzter Herr Kasper heißt es, Sie oller Helmaffe Sie, Sie untertänigster Rasselsäbel!

POLIZIST:

Mann, seien Sie mal etwas höflicher zur königlichen Polizei!

KASPERLE:

Höflich? Hi hi, höflich? Mit Höflichkeit fängt man nicht mal 'nen Floh. Oder soll man etwa sagen: bitte, Herr Floh, seien Sie so gut, Herr Floh?

POLIZIST:

Kasper, du bist ein Esel!

KASPERLE:

'n Esel? Was Sie sagen! Ist 'n nettes Tierchen, so'n Esel, hihi; klettert auf die höchsten Stellen und fällt nicht runter. Hihi, möcht schon solch Tierchen sein.

POLIZIST:

Lirum, larum, Kasper, du mußt jetzt in den Krieg; darum bin ich hergekommen.

KASPERLE:

Krieg? Was ist denn das? Kriecht man da rum, in dem Krieg? Ich bin doch kein Kriechtier!

POLIZIST:

Du dummer Kasper, du dammliger, der Krieg sind Schlachten mit Bomben und Kanonen.

KASPERLE:

Schlachten? Ei, das kenn ich, da gibt's frische Wurst; Blut- und Leberwurst, hihi, das schmeckt aber fein!--Und Bomben? wissen Sie, die backt meine Omama mir immer zu Weihnachten; die kenn ich auch. Und Kanonen? ja, die stehn noch vom Großvater selig her auf'm Kramboden; der war Sie nämlich Mistbauer, und brauchte so'ne dicken hohen Schmierstiebeln. Also, dann kenn ich ja den Krieg; muß 'ne lustige Sache sein.

POLIZIST:

Na warte man, du Frechdachs, wirst es schon merken, wenn's dir man erst um die Ohren knallt.

KASPERLE:

Knallen tut's da? O jemine! Wissen Sie, Herr Kriegsminister, gegen Knallen hab ich von Kind auf 'ne Idiokratie.

POLIZIST:

Idio_syn_krasie meinst du wohl, dummer Kasper.

KASPERLE:

Nee, Herr Rasselsäbel, Sinn ist da nicht drin; sonst wär's ja keine Idiotokratie. (Er singt):

Die Welt, die haut sich tot wie nie, tot wie nie, tot wie nie, und füttert das Meer mit Korn und Vieh, Korn und Vieh, Korn und Vieh; das ist doch Idiotokratie, Tokratie, Tokratie, Idiotokratie!

POLIZIST:

Halt deinen dummen Schnabel, Kasper, das verstehst du nicht; das ist die hohe Diplomatie. Sage mir lieber, wie dein Vater heißt, Kasper.

KASPERLE:

Das kann ich Ihnen durchaus nicht sagen, Sie neugieriger Iltis, alldieweil ich das selber nicht weiß. Ich glaube, ich hatte gar keinen Vater.

POLIZIST:

Und deine Mutter?

KASPERLE:

'ne Mutter? 'ne Mutter hab ich auch nicht gehabt. Bloß 'ne Großmutter und 'ne Urmama; die haben mich zusammen zur Welt gebracht.

POLIZIST:

Du bist 'n Ochse, Kasper, oder 'n Frechdachs; jeder Mensch hat doch 'ne Mutter.

KASPERLE:

'n Ochse? das wär was, ei der Daus! Was wär ich da wert bei den heutigen Fleischpreisen? wir wollen mal zusammen rechnen, Herr Kriegsminister. Also: ich wiege 150 Pfund, das Pfund kostet jetzt 8 Mark 50. Erst also 100 mal 8 Mark 50--hängen wir einfach zwei Nullen an, das macht 85000 Mark; und dann noch 50 mal 8 Mark 50, das ist mir zu schwer, das kann ich nicht rechnen. Wissen Sie's vielleicht, Herr Kriegsrat?

POLIZIST:

Na, das sind ungefähr 4000 Mark, Kasperle; es ist ja auch schon lange her, daß ich in der Schule war.

KASPERLE:

Also, ich hatte 85000 Mark; und Ihre 4000 Mark dazu, macht 100000 Mark. Sehn Sie, Herr Kriegsminister, soviel ist der Kasper werf, wenn er ein Ochse ist; hihi, was sagen Sie nun, Herr Oberkanonenrat? Was mag man da erst wert sein, Sie, wenn man ein fettes Schwein ist! Wissen Sie was: wir wollen beide Bauern werden und fette Schweine zusammen ausbrüten. (Er singt):

O wär ich doch ein Öchselein, Öchselein, Öchselein, oder auch ein fettes Schwein, fettes Schwein, fettes Schwein, dann pökelt' ich mich selber ein, si- sa- selber ein. Da käm ich in ein großes Faß, großes Faß, großes Faß, da rollt' ich in das Kellergelaß, Kellergelaß, Kellergelaß, da hätt ich für den Winter was, Wi- Wa- Winter was.

POLIZIST (packt ihn):

Ach was, vorwärts marsch mit dir in den Krieg! und hast-du-nicht-gesehn ins Feuer!

KASPERLE:

Ins Feuer soll ich? Ich ins Feuer? Aber ich bin doch keine Preßkohle, Herr Oberheizer, daß ich ins Feuer soll? (Er ruft ins Haus): Großmama, mein Puttchen, du alte Knochenmühle! komm doch mal her, aber putz dich nicht erst! man will dein Kasperle ins Feuer stecken! (Großmutter kommt.)

GROSSMUTTER:

Was ist denn los? Was schreist du so, Kasperchen?

POLIZIST:

Er muß in den Krieg und will nicht, der Racker!

GROSSMUTTER:

O Gott, o Gott, in den Krieg, mein Herzblatt? Da werden sie dich totschießen, armes Kasperchen! Ogottogottogottedoch!

KASPERLE:

Laß man, Omamachen wenn sie schießen wollen, nehm ich meine Pritsche und hau sie selber tot. Guck mal, so--so--haste-nich-gesehn--(er haut den Polizisten tot, wirft ihn über die Rampe und sagt dabei:) Ja, quiek man! den Kasper krigst du nicht! der lebt ewig, du oller Rasselsäbel!--