German poem
Ein Rosenblatt
by Peter Rosegger (1843–1918)
Was das Rosenblatt bedeutet, Das in sich zusammenkauernd Vor dem Hauch des Mundes schauernd Auf der Hand mir liegt gebreitet?
Kann ich nicht dem toten, süßen Rosenblatt mit Sehnsuchtsbeben Noch einmal ein junges Leben Minnend in die Adern gießen?
Oh, vor meinem heißen Kusse Wird es nimmer frischen können, Wird es, ach, nur still verbrennen, Asche, Asche sein zum Schlusse.
Rosenblatt, warum alleine Kommst du mir von ihr geflogen, Ach, daß du nicht mitgezogen Sie, die Holde, die ich meine!
Jene Süße, von den Musen Ahnend mir so lang verheißen. Nächtig, wenn die Sterne gleißen, Möcht' ich ruhn an ihrem Busen.
Möcht' ins scheue Aug' ihr sehen, Ihr ins tiefe Herz mich graben, Möcht' in heißer Glut mich laben Und in Liebeslust vergehen.
Soll ich warten, bis die Tage Wachsen und die Nächte schwinden, Die so lockend, Lieb' zu finden? Rosenblatt, flieg hin und frage.
Soll ich warten auf die Tage, Wo zur Form wird, was heut Kuß ist, Und zur Pflicht, was heut Genuß ist? Rosenblatt, flieg hin und frage.
Denk an deine Maientage, Rosenblatt, du kennst das Leben; Kennst der Liebe Pein und Beben. Nun, so flieg zu ihr und frage.