German poem
Sei gegrüßt, du himmlischer Knabe!
by Peter Rosegger (1843–1918)
Eine Weihnachtsandacht.
Christkind, bist da; bist endlich nach langen traurigen Tagen wiedergekommen zu uns herab.
Ich hab' dich ersehnt als wie ein Kind; denn ich bin ein Kind mit weißen Haaren.
Nun hör' ich dich rauschen in diesen Zweigen; vor deinem süßen, warmen Odem flackern die Lichter des heiligen Weihnachtsbaums.
Oft hör' ich es leis in den Lüften klingen, als wie ein Läuten und Grüßen von oben.
Erzähl nun, erzähle, du holder Bote des Himmels, was waltet dein Vater, der ewige Herr?
Fast fürcht' ich, der Vater hätt' unser vergessen, denn wie den Sonnenstrahl vor Wetterstürmen, seh' ich auf Erden das Göttliche schwinden.
Gerechtigkeitsfreude ging uns verloren und reiner fröhlicher Sinn.
Die Kunst wühlt im Staube, die kindlichen Herzen verkümmern.
Wenn du, o mein süßer, heiliger Christ, von Zeit zu Zeit nicht kämest gesandt, es müßte der Pfad zwischen Himmel und Erden doch gänzlich verwildern.
Mein Mütterlein treu; sie muß schon vor Zeiten angelangt sein auf mühevollen Krücken.
Zwar war sie fast blind, doch hat sie—das weiß ich—den Weg nicht verfehlt.
Und daß ich noch frage: Habt ihr ein Krankes im Himmel?
Wenn sie nicht Kranke kann warten, die Mutter, wachen die Nächte und sorgen und sich von dem Munde die Bissen abkargen, so ist sie nicht glücklich.
Sie wird es schon sein.
Im Reigen der Reinsten und Seligsten, der treuen, opferfreudigen Seelen ist sie zu finden.
Du lächelst, mein Christkind, sahest sie schweben im weißen, myrtendurchwirkten Kleide.
Ein Antlitz, so zart, wie Kirschbaumblüh'—sie ist's!—und Augen, so sanft und seelentief—es muß sich darin ja Gatte und Kind noch spiegeln?
Denn dann erst, wenn Gatte und Kinder bei ihr sind, will freudig sie eingehn zur Seligkeit.
O, sag ihr, wie frisch in den jungen Gemütern die früh uns verwelkte Lust dieser Welt wieder aufblüht.
Und sage, wie selig ich bin in den Kleinen, wie heiß ich ihr danke!
Und das, wie ich immer noch weinen muß—Bote der Liebe—das sag ihr nicht.