German poem
Welch ein Los!
by Peter Rosegger (1843–1918)
Welch ein Los! Im bunten Lebensgarten Fröhlicher Genossen bin ich einsam. Hab' mit ihnen Ziel, Geschick und Leiden, Sprach' und Lied und Vaterland gemeinsam. Streuen scherzend Rosen unsren Pfaden, Lieben uns einander—und bin einsam. Einsam, wenn das Blau der Fern' uns trennet Mitten unter ihnen bin ich einsam. Einsam, wie der Schiffbrüchig' im Meere, Einsam, wie der Aar im Himmelskreise, Einsam, wie der Mann, den sie begruben Unter Nordlichtschein im öden Eise. Brücken schuf Natur von Aug' zu Auge, Hängend auf des Lichtes goldnen Stäben; Schiffe auf dem Wellenmeer des Klanges Zwischen Mund und Ohren heiter schweben. Und des Blutes ehern ewige Bande Flechten aneinander unsre Sinne; Aber von der Seelen freier Zinne, Auseinander fern sich ungemessen, Hat Natur zu baun den Weg vergessen. Nicht so einsam ist das Alpenröslein An des starren Eises kalter Schwelle; Nicht so einsam ist der Stern am Himmel, Als in ihrem Leib die sehnende Seele. Einsam, wenn dem Schönen sie und Reinen, Mai im Herzen, grüne Kränze webet; Einsam, wenn sie selige Pfade suchet Nach dem Gottesreich, und ihnen lebet.— Als in Tiefen mit Genossen kriechen Ist es besser, hoch zu schweben einsam. Größer, göttlicher gewiß—doch glücklich? Glücklich ist der Erdsohn nur gemeinsam.