Versos German Richard Dehmel Psalm zweier Sterblichen

German poem

Psalm zweier Sterblichen

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DER MANN

Göttin Zukunft, mit gefesselten Händen hältst du eine geschlossene Schriftrolle, drin mein Schicksal verzeichnet steht. Langsam, Tag für Tag, ringe ich deinen Fingern Zoll für Zoll die Urkunde ab, Zeile für Zeile. Bis der Augenblick kommt, wo das entrollte Papier, eh ich das letzte Wort noch las, meinem erschöpften Arm entfällt; und mit gefesselten Händen gibst du den Winden zur Sage anheim, was ich tat.

DAS WEIB

(Von Ida Dehmel)

Schicksalsgöttin, ich liege vor dir auf den Knieen. Du hältst in deinen, ach, gefesselten Händen eine goldene Tafel, drin die Namen nur derer eingegraben stehn, die Unvergeßliches taten. Auf den Knieen, Schicksalsgöttin, bitte ich dich: Laß mich nicht ins Namenlose versinken! Spreng deine Fesseln – oder nur einen Augenblick reich mir die goldene Tafel, und neben die Runen der Helden und der Weisen schreibe ich hinsinkend: Ich liebte.