Versos German Rudolph Löwenstein Von drei großen Zauberern

German poem

Von drei großen Zauberern

by (1819–1891)

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Ein großer Zaubrer ging einmal Auf Wanderschaft durch Berg und Thal, Trug eine Mappe in der Hand Und einen Hut mit breitem Rand, Von Schlangenkraut umschlungen; Von seinen Wundern ist die Mähr Durch’s weite, weite Land umher Auch bis zu mir gedrungen.

Das muß doch wohl ein Zaubrer sein: Er fängt die Sonnenstrahlen ein, Er holt mit seinem Zauberstab Vom Himmel Mond und Steril’ herab Und kann die Wolken haschen. Er greift, und macht sich nicht ’mal naß, Den Wasserfall und steckt ihn baß In seiner Mappe Taschen.

Ihm ist zu hoch kein Alpenschnee, Kein Strom zu wild, zu tief kein See; Wo er sich setzt auf grüner Flur, Da braucht er seine Taschen nur Ein Weilchen aufzuklappen, Dann nimmt sein Stäbchen er geschwind, Und Wald und Felder, Schaf und Rind – Husch! sitzen sie in der Mappen!

Was auf der schönen Gotteswelt An Land und Leuten ihm gefällt, Sei es des Königs Prunkgemach, Sei es des Bettlers niedres Dach, Sei’s Ritter oder Knappe – Er schwingt sein Stäbchen – Eins, Zwei, Drei – Und fertig ist die Zauberei Er steckt sie in die Mappe.

Der Reiter auf behendem Roß, Im Sturmesschritt der Krieger Troß, Der Aar in pfeilgeschwindem Zug Sind sicher nicht im schnellsten Flug Vor seiner Zauberklappe, Der Hirsch im Sprunge, Schwalb’ und Spatz, Auf hohem Dach die schwarze Katz – Sie müssen in die Mappe.

Die Rose sammt dem Falter d’ran – Er lockt sie mit dem Stab heran. Die Blumen rings in Wald und Au Mit all’ den tausend Tröpfchen Thau, Die an den Blättern hangen, Das Bienchen, das im Kelch sich stärkt, Sie alle sind, eh’ sie’s bemerkt, Vom Zauber schon gefangen.

Und wo da scherzt ein glücklich Paar – Sein scharfer Blick nimmt gleich es wahr. Ihr Kinder all’ mit feur’gem Blut Und feur’gem Aug’ – seid auf der Hut, Daß er euch nicht ertappe! Ihr Mägdlein, hold von Angesicht – Euch hilft kein Flieh’n, noch Sträuben nicht – Ihr müßt in seine Mappe!

Der Zaubrer also ging einmal Auf Wanderschaft durch Berg und Thal, Er hatte auf seinem kurzen Gang Gethan schon manchen guten Fang Und wollte zur Rast sich legen. Wollt’ träumen einen Zaubertraum, Da kam vom nahen Waldessaum Ein Wandrer ihm entgegen.

Der Fremdling, der des Weges kam, Sah aus gar fremd und wundersam; Er trug ein Büchlein in der Hand Und einen Hut mit breitem Rand, Von grünem Band umwunden, Ein Sträußlein d’rauf mit Edelweiß, Das ihm auf hoher Alm mit Fleiß Die Sennerin gebunden.

„Grüß Gott,“ sprach er, „seid Ihr der Mann, Der Alles schier verzaubern kann?“ Der Zaubrer spricht mit lust’gem Sinn: „Mein lieber Fremdling, ja, ich bin Der Herr von Licht und Schatten; Die halbe Welt schon trag’ ich schier In meiner Mappe – doch wer seid Ihr? Wollt mir die Frage gestalten.“

Der Fremdling spricht und lacht dazu: „Ich bin ein Zaubrer, just wie Du, Wie Du zieh’ ich von Land zu Land, Und selbst zu fernster Meere Strand Trägt mich ein Zaubernachen, Und zog’ zum Nordpol ich hinaus – Wohin ich komm’, bin ich zu Haus – Ich kenne alle Sprachen.

Ich weiß, was in der Tanne dicht Holztäubchen mit dem Tauber spricht, Was aus des Finken Ruf erklingt, Was hoch im Blau die Lerche singt Und was die Drosseln schlagen. Was Elster und Kiebitz im Moor, Und was der Sperling schwatzt im Rohr – Ich kann’s genau Dir sagen! Ich weiß, was mit der Sehnsucht Schall Im Dickicht klagt die Nachtigall, Und was die Falter flüstern sacht, Wenn aus den Kelchen um Mitternacht Entsteigt der Blumen Seele. Denn merke, wenn Du’s noch nicht weißt: In jedem Blümchen steckt ein Geist – Der steht mir zu Befehle.

Der Stift, den ich als Zauberstab Hier in dem kleinen Büchlein hab’, Ist an geheimen Kräften reich; Er öffnet mir den Berg sogleich Und kann den Felsen brechen. Er flößt dem Todten Leben ein, Und wenn ich will, muß dieser Stein Vertraulich mit mir sprechen!

Was in des Windes Säuseln rauscht – Nur ich versteh’s, ich hab’s erlauscht! Und wenn aus mondbeglänztem See Sich hebt die bleiche Wasserfee, Umtanzt von den Libellen, Dann hör’ ich, was von Lieb’ und Leid Und von smaragdner Herrlichkeit Erzählen rings die Wellen.

Ich höre, wenn am Himmel fern Erglänzen heimlich Stern um Stern, Manch’ still Gebet’ die Luft durchzieh’n; Mir ward von Gott die Kunst verlieh’n, Die Herzen zu ergründen. Und was da lebt an Leid und Lust Und Hoffnung in der Menschenbrust – Ich weiß es Dir zu künden!“

Der erste Zaubrer nun begann: „Reich’ mir die Hand! Du bist mein Mann! Komm, laß uns wandern jetzt selband! Ich fange für Dich in jedem Land Das Schönste mit meinem Stabe; Doch Du lehrst mich der Stimmen Schall Und lehrst erkennen mich das All Mit Deiner Wundergabe!“

Als sie nun zogen durch den Tann, Da kam ein dritter Wandersmann. An seinem Arm ein hölzern Ding, Bespannt mit blanken Saiten hing, Und auf dem Hütlein droben Ein frisches Sträußlein saß gar kühn, Aus Maßlieb und aus Immergrün Von schöner Hand gewoben.

„Grüß Gott, Ihr Herr’n! Gebt nur Bescheid, Ob Ihr die großen Zaub’rer seid, Bekannt im Volke rings umher, Genannt mit hoher Scheu und Ehr’, Der seltnen Wunder wegen? Ihr seid’s! Gesegnet sei die Stund’! Nehmt mich als Dritten auf im Bund Ich grüß’ Euch als Collegen!

Kennt Ihr mich nicht? – Mit meinem Stab Hol’ ich der Sphären Klang herab, Und trag’ in frommer Menschen Chor Zum Himmel wieder ihn empor, In Tönen rein und helle, Geb’ Flügel auch dem Menschenwort: Es fliegt zum Lichte fort und fort, Gewiegt aus luft’ger Welle.

Was dort am Rad die Spinn’rin singt, Was an des Kindleins Wieg’ erklingt, Was klagend tönt aus Thales Grund, Und was in froher Zecher Rund’ Ertönt beim Saft der Trauben, Und was beim gold’nen Erntekranz Die Schnitter ruft zum lust’gen Tanz – Mein Werk ist’s, könnt’ mir’s glauben!“

Der zweite Zaub’rer spricht: „Ist’s wahr? Ein Zaub’rer Ihr? – ’s wär’ wunderbar! Noch nie gescheh’n ist sicherlich, Daß drei gewalt’ge Zaub’rer sich Getroffen so auf Reisen! Erlaubt mir nur die Frag’, ich bitt’, Wenn Ihr ein Zaub’rer seid – womit Wollt Ihr uns das beweisen?“

„Womit? Dein Zweifel macht mir Spaß. Womit? Nichts leichter doch als das! – Will Euch, Ihr Herren, mit Vergunst Sogleich ein Pröbchen meiner Kunst Und meiner Wunder zeigen! Gieb mir das Lied, das Du erdacht Zum Himmel soll’s sogleich mit Macht Gleich einem Vöglein steigen!“

Und seht! er rührt der Cither Gold – Da steigt ein Liedlein, wunderhold, Empor, als wär’s ein Vögelein, Und singt frisch in die Welt hinein Bald mächtig laut, bald leise. Zu gold’nen Tönen schwillt der Text – Die Zaub’rer selbst steh’n wie behext Und lauschen der Sangesweise.

Und endlich singen alle Drei Entzückt die liebliche Melodei, Und Alles lauschet – Baum und Bach, Der Felsen lauscht und singt es nach Das Liedlein frisch und heiter, Die Vöglein lauschen im Neste all’ Und tragen den wonnigen Wiederhall Von Gipfel zu Gipfel weiter. –

Wo mögen wohl – so fragt Ihr nun – Die Zaub’rer solche Wunder thun? – Habt Acht! ich mach’ es Euch bekannt! Der Erste malt sie auf Leinewand, Der Zweite schreibt Gedichte, Der Dritte ist ein Musicus! Mein Liedlein aber ist am Schluß – – Das ist die Zaubergeschichte.