German poem
Die Thorsperre in Hamburg
Die Thorsperre in Hamburg. Gedicht von Th. Sievers. Nach Schillers Glocke.
Verlag der 0.2 Hamburg. St. Pauli.
An dem festen Eisenangel Hängt das Thor von Eisenguß, Das durch Sperrung manchem Mangel Hier in Hamburg helfen muß. Von der Stirne heiß Rinnet oft der Schweiß Abends, wenn die großen Schaaren Laufen, um die Sperr’ zu sparen.
Die Republik hier einzusperren Bedarf es wenig Thore nur. Bezahlt die Sperre meine Herren, Dann geht durch’s Thor in die Natur; D’rum laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten Was durch das Thor für Thoren gehn, Das schlechte Thor muß man verachten Das seines Gleichen nicht gesehn. Das ist’s ja, was das Thor uns bringet, Daß viele Thoren dadurch geh’n, Und wenn das Geld im Kasten klinget, So kann der Mensch spazieren geh’n.
Nehmt vier Schilling aus der Casse, Lös’t papierne Karten ein, Laufet mit des Volkes Masse Dann zu Fuß in’s Thor hinein. – Thoren die ihr seid, Denn man ist bereit Für vier Schilling euch zu fahren, Und die Sohlen könnt ihr sparen.
Und was die vielen Omnibusse Der Sperre an Profit entzieh’n, Das muß der Staat sich am Genusse, Das muß sich mancher Thor entzieh’n. Es dauert schon seit langen Tagen, Und rühret vieler Menschen Ohr Wenn Abends alle Glocken klagen, Bim, bam, es schließet sich das Thor, Und wer dann draußen ist geblieben, Kommt ohne Sperre nicht nach Haus, Und wer dann drinnen ist geblieben, Der lös’t sich mit vier Schilling aus.
Schon hör’ ich die Glocken läuten, Und das Thor bleibt offen doch? Nun, so will ich es euch deuten: Eine Stunde Freiheit noch! Wohl wohnt Freiheitsglück In der Republik, Doch in Hamburg’s Stadt und Hafen Geht die Freiheit Abends schlafen.
Und mit der Glocke Feierklange Begrüßet man die Sperre dann, Wie mit der großen Feuerzange Die Köchin manchen Freiersmann. Ihm ruhen noch im Zeitenschooße Die schwarzen und die heitern Loose; Der heißen Liebe zarte Sorgen, Sie drücken ihn vielleicht schon morgen, – Die Liebe fliehet pfeilgeschwind. Vom Mädchen reißt sich schnell der Knabe, Er stürmt durch’s Thor so wild hinaus, Denn seine ganze baare Habe Macht nicht genug zur Sperre aus, Und gräßlich bei’m Laternenschimmer, Wie ein Gespenst in dunkler Nacht, Sieht er am Thor den Mann, der immer Die Hand zur Sperre offen macht. Da faßt ihn namenloses Grauen, Er meint, das Thor sei schon gesperrt, Doch – darf er seinen Augen trauen? – Ihm wird der Eingang nicht verwehrt! Noch war die Sperr’ nicht eingetreten, Noch ging man frei hier ein und aus, Er fürchtete sich zu verspäten, Und kam noch glücklich hin nach Haus. Und hinter diesem läuft so hitzig, In eilig ungewohnter Hast, Der Handelsjude Levy Itzig, Ihm läßt die Sperre keine Rast. O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, Ich komme noch zur rechten Zeit, Das Auge sieht das Thor noch offen, Es schwelgt das Herz in Seligkeit – Ach, daß es ewig offen bliebe, Ich wollt’s, aus Geld- und Freiheitsliebe.
Wieder hör’ ich Glocken läuten, Wohl! man drängt sich durch das Thor; Doch von diesen Massen Leuten Bleiben viele, ach! davor. Es ist nach der Zeit, Wer ihr Herr’n auch seid, Sena-, Doc- und andre toren, Die vier Schilling sind verloren.
Denn wenn die Sperre eingetreten, Da hilft kein Winseln und kein Beten, Da heißt es gleich, mein Freund bezahl’! D’rum prüfe sich, wer ausgegangen, Ob seine Casse auch wird langen, Und weh’ ihm! findet er sie kahl. In der Armuth stillen Hütten Fehlet oft des Geldes Klang, Eines armen Mannes Bitten Machet oft das Herz mir bang. Und es ist die schönste Feier, Wenn man einem armen Mann, Sei’s durch Gulden oder Dreier, Seine Noth erleichtern kann. Doch Sperre, ihr Leut’, Die zahlt man nicht gerne, Hört man das Geläut’ Man läuft schon von ferne Den Athem sich aus; Will wirken und streben, Und eilen und schaffen, Erlisten, erraffen, Will wetten und wagen, Das Thor zu erjagen. Doch kömmt man zu spät, trotz all’ dem Laufen, Da muß man sich doch eine Sperrmarke kaufen, Muß Sperre zahlen; ein ärgerlich Geld. Und drinnen waltet Der weise Senator, Und handelt und wandelt, Und herrschet weise Im hamburg’schen Kreise, Und schützet die Guten, Und strafet die Bösen, Will zu seiner Ehre Ermäßigt die Sperre, Denkt in seinem Sinn: Das mehrt den Gewinn. Doch giebt es gar Viele, die sind erbgesessen, Die sind wie der Teufel auf die Sperre versessen, Die machen sich selbst und der ganzen Welt weiß, Die Sperre erhebe die Grundstück’ im Preis. Sie sagen: die Rundstück’ sei’n kleiner hier immer, Die Grundstücke nimmer.
D’rum seh’n Alle mit frohem Blick, Die in Hamburg erbgesess’nen Bürger, Auf die Sperre als auf ein Glück; Und sie nennen die endlosen Summen, Die durch Sperre zusammen gekommen, Unermeßlich und auch unentbehrlich, Doch glauben sie’s selber wohl schwerlich, Stopfen nur Andern den Mund. Fest wie der Erde Grund Gegen des Zeitgeist’s Macht Bleibt dies Gespenst der Nacht; Doch mit allen finstern Mächten Ist kein ew’ger Bund zu flechten, Und das Gaslicht brennet schon.
Wieder hör ich Glocken läuten, Es ist zehn, die Sperre steigt, Wie sie emsig vorwärts schreiten, Daß das Thor noch werd’ erreicht – Sperre ist erhöh’t, Wer noch draußen steht Muß acht Schillinge verlieren, Oder draußen auch campiren.
Wohlthätig ist des Geldes Macht, Es bringt uns Freiheit auch zur Nacht; Wenn man nach 10 durch’s Thor noch läuft, Sich für acht Schilling Freiheit käuft, So kömmt man billiger doch fort Als sonst an irgend einem Ort, Wohin gar Mancher in der Nacht Ward von den Wächtern schon gebracht. Leicht wird Keiner losgelassen Den sie einmal attaquirt, Durch die volkbelebten Gassen Wird zur Wache er geführt; Doch für fünf Mark vierzehn lassen Sie ihn dann ganz ungenirt. – Last und Wonne, Glück und Leiden, Schmerz und Freuden, Bringt in bunter Reih’ das Geld Auf der Welt. Dieser raffet Es zusammen, Jener streut es eifrig aus; Dieser wieder Wendet es Weise an. Jener wieder speculiret Bis er all’ sein Geld verlieret, Und zuletzt darob falliret; Denn Concurs anjetzt zu machen G’hört zu den modernen Sachen. Schuster, Schneider, Arbeitsleute, Handschuhmacher, Zimmerleute, Komödianten, Musikanten, Schacherjuden, Jollenführer, Sieht man jetzt als Banquerottirer. Durch der Hände lange Kette Um die Wette Fliegt der Wechsel, prompt zu zahlen, Wenn der Stichtag angekommen, Steh’n darauf die großen Summen, Doch die Zahlung bleibet aus, Es fallirt das Handlungshaus. Solchem Treiben sollt man wehren Lieber, als das Thor zu sperren. Überzählet man die Massen Banquerotte uns’rer Zeit, Geht’s in die Unendlichkeit; Sie sind, um sich kurz zu fassen, Riesengroß. Hoffnungslos Zeigt der Gläubiger den Wechsel, Aber keine Handvoll Häcksel Bietet man für diesen Fetzen.
Aber nun Ganz entschlagen Von der Schulden schwere Plagen, Hört man gar in unsern Tagen: Banquerotteure Rechnen sich zur großen Ehre Den Betrug.
Prahlen laut Auf den Bänken In den Schenken: Gestern Banquerott gemacht Kann mir’s heute Keiner wehren, Von dem was ich mir Schmu gemacht, Nun nach Gefallen hier zu zehren. Ging auch mein Renome verloren, So hat’s mir doch was eingebracht.
Wieder hör’ ich die Glocken läuten, Himmel hilf’, das ist schon elf; Lauft ihr Leute, lauft von Weitem, Oder zahlt an Sperre zwölf Schilling; heil’ge Zeit! Ist das Kleinigkeit? Weh’ über euch ihr freien Leute, Seid ihr nach elf der Sperre Beute.
Die Nacht bricht ein, es herrschet Stille In uns’rer sonst so regen Stadt, Die Lampen brennen öd’ und matt, Und heimlich zirpet schon die Grille, Und Hamburg lieget schon im Traum. Nur einen Wand’rer seh’ ich wallen Der heute ohne Nachtquartier;
Sein schräger Gang, sein schweres Lallen, Die sagten seinen Zustand mir.
Aus dem Keller, Schwer und lang Ging die Treppe Er entlang. Auch der letzte Schilling war vertrunken, Und der Mensch zum Vieh hinabgesunken.
Ach! der Schlachter ist’s, der dicke, Der im Mäßigkeitsvereine, Da er g’rad sich übernommen Einst als Mitglied aufgenommen. Aber das gegeb’ne Wort Brach er, und man stieß ihn fort; Denn im Mäßigkeitsverein’ Muß ein Jeder nüchtern sein. Trinkt man hier gleich gute Weine, Ist der Kümmel doch verpöhnt, Und der Mann, den ich hier meine, War zu sehr daran gewöhnt. Zwar wollt’ er nach Hause laufen, Doch zehn Schilling war’n nur sein; Konnt’ sich d’rum durch’s Thor nicht kaufen, Kauft sich also Branntewein.
Wieder hör’ ich Glocken läuten, Das ist zwölf, ist Mitternacht; Wo die Geister schaurig schreiten Aus des Grabes dunkler Nacht. Hört den Geisterchor! Von dem Kirchhofsthor Zieht wie Sturm und Ungewitter Er vor unser Eisengitter.
Eilig fördern ihre Schritte Diese Mitternachtsgestalten, Unhörbar sind ihre Tritte. In des Leichentuches Falten Eng gehüllet, Hört man grausig Todesröcheln, Hört man schaurig Noch ein dumpfes Schwindsuchtsröcheln. Alle sind Hingeopfert Von der Sperre. Sie beschafften Ihre Arbeit In der Stadt, Wohnten aber vor dem Thore Unsrer Stadt. Hörten sie die Glocken läuten, Eilten sie im raschen Laufe, Um der Sperre zu entkommen; Doch das Stadtthor schloß sich knarrend. Schweiß bedecket Standen Alle In der Kälte, leicht bedecket Vor dem Thor’, Und der Sperre arme Opfer, Raffte Manchen bald die Schwindsucht.
O du Sperre! alt gewöhnte, Aber auch schon lang verpöhnte, Die du Tod und Unheil bringest, Die du furchtbar Geld verschlingest, Willst du unsrem Staat, dem freien, Lange noch zum Spott gedeihen? Willst du, trotz dem vielen Schreiben, Länger noch ein Schandfleck bleiben? Denn ich glaube doch, daß Sperre In dem Freistaat Unsinn wäre!
Tausend fleiß’ge Hände regen, Helfen sich in munterm Bund, Und in feurigem Bewegen Werden alle Kräfte kund. Jeder will den Kampf beginnen In der Freiheit heil’gem Schutz, Und die Sperre muß zerrinnen, Trotz dem fahlen Eigennutz. Freiheit ist des Bürgers Zierde, Freiheit ist der Mühe Lohn, Freiheit ist uns größ’re Würde Als Ordensband und Herrscherthron.
Freiheit, Friede, Weilet, weilet Freundlich in Hammonia! Möge bald der Tag erscheinen Wo die Thore offen stehen. Keine Sperre Halte vom Spazierengehen Uns zurück, Treib’ uns eilig nicht nach Hause Aus der göttlichen Natur.
Nun, die Nacht ist schon geschieden, Und der junge Tag begrüßt Unsre Stadt in stillem Frieden, Und das Thor, das sich noch schließt. Ja, das Thor ist zu; Geht die Sonn’ zur Ruh’ Und bei ihrem Auferstehen, Muß sie’s noch geschlossen sehen.
Vor’m Thore sammelt sich die Menge Und harret dort der rechten Zeit, Und eilet dann in das Gedränge Wenn man sie endlich nun befreit. Die Milchleut’ nehmen von dem Wagen Die Eimer mit der Milch herab, Um sie hernach durch’s Thor zu tragen, Und leer folgt dann der Wagen nach. Doch haben sie das Thor im Rücken, So hängen sie sie wieder auf, Und fahren fort mit frohen Blicken, Und bieten ihre Milch zu Kauf.
Ihr fragt, wozu ein solch’ Betragen? Wozu es nützt, wozu es sei? Merkt auf, ich will’s euch gerne sagen, ‘s ist kein Geheimniß just’ dabei. Ein jeder Wagen, der beladen, Der zahlt am Thor ein Brückengeld, D’rum wird die Milch durch’s Thor getragen, Und so erspart das Brückengeld.
Noch bleibt das Thor für sie verschlossen, Die lange Weile plagt sie gar, Da machen sie dann ihre Possen, Und liegen sich zuletzt im Haar. Der Milchmann scherzt mit Anneliesen, Doch das verdrießt den Bräutigam, Der heut’ mit Eiern und Radiesen Zum Gelderlös’ nach Hamburg kam. Sie streiten sich, gleich gift’gen Hähnen, Die Eier treten sie entzwei, Annliese steht in heißen Thränen Und händeringend stumm dabei. Gefährlich ist’s den Leu zu wecken, Abscheulich ist der Sperre Wucht, Jedoch das schrecklichste der Schrecken, Das ist und bleibt die Eifersucht. Sie bringt dem Weibe bitt’re Leiden, Den Mann hat sie zum Zwist bethört, Und manche häuslich stille Freuden Hat schon die Eifersucht zerstört.
Endlich hat die Stund’ geschlagen, Endlich öffnet sich das Thor; Jetzt herein, zu Fuß, zu Wagen, Wie’s ein Jeder sich erkor. Gehet frank und frei Dem Büreau vorbei, Keiner wird es jetzt noch wagen Euch nach Karten nur zu fragen.
Herein, herein Ihr Leut’, euch dem Geschäft zu weih’n, Euch des Gewinn’s am heut’gen Tag zu freu’n, Um fleißig, regsam und vergnügt zu sein, Und kehrt zur Gattin Mittags froh nach Hause, Und labt euch dort am würzig kräft’gen Schmause.
Und wünscht und hoffet nun mit mir: Bald sei die Sperre fort von hier! Sie soll uns nicht die alten trüben Zeiten, Ein Überbleibsel aus der Knechtschaftszeit, Sie soll uns nicht der Knechtschaft Spuren deuten, Sie sei alsbald dem Untergang geweiht. Bald sei sie nirgend mehr zu finden Als in der Chronik ganz allein, Und alle Knechtschaft möge schwinden, Frei soll Hammonia stehts sein. Schifffahrt, Handel möge blühen, Und des Schicksals herber Schlag Mög’ Dir stets vorüberziehen, Fern dir sein das Ungemach. An des Elbstroms Ufer walle Freiheit, Friede, Wohlergeh’n, Mögen auch die Neider alle Hämisch auf dich niederseh’n; Und wie alles Leid vergehet, Zeige dann die Sperre auch, Daß auch sie nicht mehr bestehe Als veralteter Gebrauch.
Darum wachet, kämpfet, streitet, Wahret eure Freiheit euch; Was der Freiheit widerstreitet Das bekämpfet muthig gleich. Hebt im raschen Lauf Nun die Sperre auf, Und seid noch nach tausend Jahren Frei, wie eure Väter waren.