German poem
Am Jahresschluß
by Victor Blüthgen (1844–1920)
Bald schließt der zwölfte Glockenschlag Die letzte Jahresstunde, Jetzt schlafe, was da schlafen mag, Wir stehn in froher Runde, Es klopft das Herz, es dampft das Glas, Bei kräft’gem Wörtlein leert sich’s baß – Verbrennt Euch nicht die Lippen Mit Nippen!
Stoßt an! Wem gilt der erste Schluck? Dem Frieden, der uns segnet. Dem Kriegsgelüst mit festem Druck Ward noch ein Jahr begegnet! Schwing fürder deinen Palmenzweig, Und aus der Heimathscholle steig’ Dem Fleiß ein neuer Segen Entgegen!
Stoßt an! Mein Spruch zum zweiten spricht: Ein voller Schluck der Treue, Die Liebe, Freundschaft, Recht und Pflicht Gewahrt mit frommer Scheue. In allem Glück die Sicherheit, Der beste Stab in Noth und Leid! Bleib’ er im Weiterwallen Uns allen!
Stoßt an! Wem gilt der dritte Gruß? Dem tapfern Muth im Streben, Der wehrhaft und mit festem Fuß Hinschreitet durch das Leben. Ihn lähmt nicht Sorg’ noch Widerdrang, Er findet Weg für jeden Gang – Will ihm das Heut nicht borgen, Zahlt’s Morgen.
Stoßt an! Und wem der vierte Schluck? Der Hoffnung frohgemuthet, Die wie ihr immergrüner Schmuck Mit keinem Tod verblutet. Zerrinnt die Gegenwart zu Schaum, Sie rettet uns den schönen Traum Und winkt uns traut im Stillen Erfüllen.
Und wenn uns bleiben diese Vier, Mich dünkt, wir können’s wagen, Daß heiter unsre Bürde wir Zwölf Monde weiter tragen. Zum guten Schluß die Gläser klar – Es schlägt – fahr wohl, du altes Jahr! Behüt uns Gott mit Treuen Im neuen!