Versos German Wilhelm Hauff Der Schwester Traum

German poem

Der Schwester Traum

by (1802–1827)

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Das deine milden Züge still umschwebt, Sind sie genaht, und deinem geist’gen Blick Begegnen grüßend ihre lichten Augen, Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt.

Sie segnen dich; von ihren heil’gen Lippen Ertönt es wie der Äolsharfe Ton, Wenn lieblich flüsternd durch die feinen Saiten Der Hauch des Abends weht: „Geliebte Schwester, Wir denken deiner, und wir sind dir nah’, Und segnend schweben wir um deine Tritte; So oft dein Aug’ im schönen Morgenrot, Im heitern Blau des Mittags sich ergeht, Trifft uns dein Blick; siehst du den Wölkchen nach, Die in dem Meer der Abendröte segeln, Dort schiffen wir; und auf des Mondes Strahl, Der mild und freundlich in dein Fenster fällt, Entschweben wir von deinem stillen Lager Mit deinen Thränen nach den sel’gen Höhn.“

So flüstern sie und neigen sich herab, Die Stirn der teuern Schlafenden zu küssen Und dann beflügelt, eh’ sie schnell erwacht, Eh’ ihre Augen die Erscheinung haschen, Im milden Strahl des Mondes aufzuschweben Nach sel’gen Höhn. Ja dort, wo anders fände Die Schwesterliebe ihre ew’ge Heimat? So stürmisch nicht, nicht so voll hoher Worte Wie Bruderliebe, doch nicht minder tief, Gleicht sie dem Bergsee, der in heil’ger Stille Den Himmel und die friedlichen Gestade Getreuer widerspiegelt als der Bergstrom, Der Bild und Ufer in sein Bett begräbt.

Ja, tief und selig ist die Schwesterliebe Und zärter, rührender erscheint sie kaum, Als wenn sie über Gräbern noch sich findet, Und Tote leben in der Schwester Traum.