German poem
Einer Amsel
by Albert Moeser (1835–1900)
Ich schreit’ allein am Waldesrand; Rings liegt verschneit das weite Land; Die Luft geht kalt und schnöde. Da fliegst du auf vom Beerenbusch Und eilst mit Schrei und scheuem Husch In tief’re Waldesöde.
O bleib’! Nicht grausam ist mein Sinn – Nicht wähne, daß ein Feind ich bin! Es droht dir keine Falle; Lieb und vertraut in Wald und Flur Sind mir der schaffenden Natur Unmünd’ge Kinder alle.
Und sieh’! uns drückt dasselbe Leid, Die freudenlose Winterzeit Schafft Grauen uns und Bangen; Nach Frühlingsglanz und Frühlingslust Lebt dir wie mir in tiefster Brust Ein sehnendes Verlangen.
Geduld! Liegt todt auch Wald und Au’, Verrauscht mit Reif und Wolkengrau Sind schon die schlimmsten Tage. Schon zog in’s Land der Februar; Des Märzen Luft, so mild und klar, Weckt neue Pracht im Hage.
Dann zieht ein heimlich-süßer Hauch Durch Wald und Flur und Baum und Strauch – Die Veilchen blühen wieder; Dann sitzest du auf hohem Ast Und singst im ersten Frühlingsglast Die altgewohnten Lieder.
Bald grünt die Flur – dann sommerlang Fliegst liebend du um Hald’ und Hang, Bist allem Leid entronnen; Ich aber geh’ durch’s bunte Feld Und freu’ mich still der schönen Welt Und deiner Liebeswonnen.
Albert Moeser.