Versos German Albert Traeger Ein Lied aus alter Zeit

German poem

Ein Lied aus alter Zeit

by (1830–1912)

Listen in the reader

In regungslosem Sinnen Tief träumt die alte Frau, Das Auge blickt nach innen, Beglänzt von mildem Thau, Was ihr die stille Stunde So wunderbar geweiht, Es ist von jungem Munde Ein Lied aus alter Zeit.

Wie hat sie’s einst gesungen, Wie hat sie’s einst gehört, Es hat ihr Herz bezwungen, Das lang’ sich stolz empört, Und nun will es erneuen Versunk’ne Tage ihr, Das alte Lied vom treuen, Vom tapfern Cavalier.

Der Tapfre ist gefallen, Im Wind das Lied verweht, Die Treue nur von Allen Einsam auf Trümmern steht, Da faßt des Liedes Mahnen Ihr mächtig das Gemüth, Ein todessel’ges Ahnen In seinen Tönen blüht.

Die Züge sich verklären, Das Herz ihr höher klopft, In hellen Freudezähren Ihr Sehnen niedertropft – Doch die das Lied gesungen, Theilt nicht der Alten Lust, Leidvoll fühlt sich durchdrungen Der Enkeltochter Brust. Ob jetzt in vollen Rosen Ihr Herz und Wangen steh’n, Mit schmeichlerischem Kosen Des Lenzes Düfte weh’n,

Wie lange mag es dauern, Und all die Herrlichkeit Ist mit wehmüth’gen Schauern – Ein Lied aus alter Zeit!