German poem
Vberschrifft an dem Tempel der Sterbligkeit
by Andreas Gryphius (1616–1664)
IHr irr’t in dem ihr lebt / die gantz verschränckte Bahn Läst keinen richtig gehn. Diß / was ihr wüntscht zu finden Ist Irrthumb: Irrthumb ists / der euch den Sinn kan binden. Was euer Hertz ansteckt / ist nur ein falscher Wahn. Schaut arme / was ihr sucht. Warumb so viel gethan? Vmb diß / was Fleisch vnd Schweiß vnd Blutt / vnd Gutt / vnd Sünden Vnd Fall / vnd Weh nicht hält; wie plötzlich muß verschwinden Was diesen / der es hat / setzt in deß Todes Kahn. Ihr irr’t in dem ihr schlafft / ihr irr’t in dem ihr wachet; Ihr irr’t in dem ihr traurt / ihr irr’t in dem ihr lachet. In dem ihr diß verhönt / vnd das für köstlich acht. In dem ihr Freund als Feind / vnd Feind als Freunde schätzet / In dem ihr Lust verwerfft / vnd Weh vor Wollust sätzet / Biß der gefund’ne Tod euch frey vom irren macht.