German poem
Ueber Schönheit
by Anton Wilhelm Christian Fink (1770–1794)
Auf! und heb’ empor vom Erdenthale, Meine Ida, heb’ empor den Blick! Laß den matten Schein vom Schönheitsstrahle Hier im Land der Dämmerung zurück. Siehst du nicht im ewig inngen Schimmer Hoch Uranien über Sternenglanz? – Wahrer Schönheit frischer Blüthenkranz, Ida, welkt dem Hauch der Zeiten nimmer.
War’s nur dieser Glanz der vollen Rosen, Den der May auf deine Wange goß, Nur die Brust, auf welcher Götter kosen, Nur das Haar, das wallend niederfloß; Nur der Wuchs aus Harmonie gewoben Und vom Schmuck der Grazien umwallt – War’s nur diese holde Lichtgestalt Der mein Herz entgegen sich gehoben?
Nein, o Ida! – Nicht des Busens Wallen Nicht der Wange Purpur war’s allein! Monde wechseln, und die Rosen fallen, Winter stürmt – entblättert steht der Hain! – Unter Blumen schleicht der Krankheit Schlange, Blumen sind für keine Ewigkeit! Unter Küssen selber pflückt die Zeit Manche Blüthe von der vollen Wange!
Doch – es webet oft der Gottheit Milde Um die schönen Seelen ein Gewand Rein und herrlich, wie nach ihrem Bilde Einst die Ersterschaffne vor ihr stand. Schwesterlich umarmt der Geist die Hülle, Und die schöne Hülle selbst wird Geist! So durchströmend, so durchlodernd fleust In sie über heil’ger Gottheit Fülle.
In des Auges lebenvollen Blikken Schwimmt der Seele holder Engelsinn Bald im Stralenmeere voll Entzükken, Bald, ein leichtes Abendwölkchen, hin; Wallet itzt auf reiner Freude Wellen Sorglos, wie auf stiller Flut der Schwan; Oder legt den Thränenschleier an, Wann der Wehmuth Fluten höher schwellen.
Auf der Wange lichten Frühlingsauen Geht die Seel’ im Morgenroth herauf; Demuth, holde Schaam und Liebe thauen Schwesterlich den reinsten Purpur drauf. Auf der Stirne hohem Aetherbogen Thront der Geist, wie über seiner Welt; Die Gedanken sind am Himmelszelt Zahllos, wie die Sterne, aufgezogen. Aus des Mundes süßen Melodieen Tönt die Seele freundlicher hervor, Auf der Sprache sanften Harmonieen Steigt sie milder zu des Freundes Ohr: Spricht im leisen Ach! wie Wehmuthsflöten, Wenn die Nachtigall am Waldsee klagt: O! und was der blöde Mund nicht wagt, Sagt der Liebe Tochter, das Erröthen.
Geist und Seele lebt im schönen Bilde, Wie im Spiegel eine Lichtgestalt, Wahrer Abdruck iener innern Milde, Die in schöne Formen überwallt. Geist und Seele schwebt aus jeder Regung, Wie auf Grazien die Anmuth schwebt; Geist und Seele wallt und wirkt und lebt In der Glieder leisester Bewegung.
Ida, meine Ida, Jugendblüthe Welkt hinweg vom Engelangesicht; Aber dieses Herzens ewge Güte Schwindet aus dem schönen Auge nicht. Anmuth strömt von eines Nestors Munde, Und der Seele holden Abglanz bleicht, Wenn die Schönheit mit der Jugend weicht, Keine Zeit und keine Todesstunde.
W. Fink.