German poem
An mein Reitpferd
by August Ernst von Steigentesch (1774–1826)
O Thier, das schnell wie Wolkenflug Mich oft zu Linas Küssen trug, Dir Dank und Lohn zu geben Soll dich mein Lied erheben.
Oft eiltest du bei Sturm und Nacht Von ihr gewünscht, von ihr gedacht, Auf dir bekannten Wegen Der Wartenden entgegen.
Du schliefst im Gras, wenn leise sich Mein Schritt am Haus vorüberschlich, Um zwischen den Gesträuchen Im Garten hinzuschleichen.
Wie schnell mich dort ihr Arm umfing, Wie glühend Lipp’ an Lippe hing, Um ewig unsre Seelen Im Kusse zu vermählen! Da floh die Nacht minutenschnell! Ein Blick von ihr so sanft, so hell, Ein Hauch aus ihrem Munde Beflügelte die Stunde.
„Horch! dreimal brummt der Glocke Ton Sieh! Nacht und Sterne schwinden schon, Der Vollmond wiegt sich blässer Im schlafenden Gewässer.
„Fort, fort! eh’ Argwohn und Verdacht Am Fenster lauscht, im Haus’ erwacht. Die Morgenlüfte wehen, Man darf dich hier nicht sehen.“
Ich wand mich los, ich kam zurück, Mich hielt ihr Kuß, mich hielt ihr Blick, Ihr Arm, um mich gewunden, An diesen Ort gebunden.
Dann fort zu dir, und Peitsch’ und Sporn Trieb dich durch Moor und Sumpf und Korn, Mit Phöbus ersten Pfeilen Dem Argwohn zu enteilen. Dein Sommer schwand, dein Feuer wich, Doch sollst du ruhig hier, wenn dich Des Winters Flocken färben. An meiner Krippe sterben.