German poem
Das Lied
by Bjørnstjerne Bjørnson (1832–1910)
Das Lied hat Leuchtkraft; drum über die grauen Werktage gießt es Verklärung hin. Das Lied hat Wärme; drum läßt es tauen Den Frost und die Starrheit in deinem Sinn. Das Lied hat Dauer; drum was vergangen Und was zukünftig, es flicht's dir zum Kranz, Entzündet in dir unendlich Verlangen Und bildet ein Lichtmeer von Sehnsucht und Glanz.
Das Lied vereint; denn es läßt entschwinden Den Mißton und Zweifel in strahlendem Gang; Das Lied vereint; denn es weiß zu verbinden Kampflustige Kräfte in friedlichem Drang: Im Drang zur Schönheit, zur Tat, zum Reinen! Es lädt uns, zu schreiten auf schimmerndem Steg Stets höher und höher, empor zu dem Einen, Das nur für den Gläubigen öffnet den Weg.
Die Sehnsucht der Vorzeit im Vorzeitsgesange Glänzt wehmutsvoll wie der Abendflor; Die Sehnsucht der Gegenwart halten im Klange Wir fest für der Zukunft lauschendes Ohr. Es trifft sich im Liede der Lenz der Geschlechter Und tummelt sein Leben im tönenden Wort; Die Geister der Ahnen wie mahnende Wächter, Sie rauschen heut festlich in jedem Akkord.