German poem
Der Sänger
by Carl August Heinrich Zwicker (1794–1900)
Hörst du die fernen Töne nicht Schon näher näher klingen? O hörst du nicht, o fühlst du nicht, Wie sie zum Herzen dringen? Ach wie es rauschet, wie es wühlt Im vollen wilden Klang! Wie nun es lispelt, wie es spielt, Und jetzt mich brennt, und jetzt mich kühlt, Und sich zum tiefsten Busen stielt In süßem Wehmuthsdrang! -
Was will mir in der heißen Brust So bange Seufzer regen? - Was tritt wie holde Frühlingslust Jetzt lächelnd mir entgegen? - Und näher schon die Stimme dringt In hellen Silberwogen, Die Leier rauscht, das Lied erklingt, Die Jungfrau ist’s die lockend singt, Der Jüngling lauscht, das Mädchen winkt, Da wird er hingezogen. -
„Dort wo die blaue Bergeshöh’ Die goldnen Wolken küßt, Und weiter über Fels und See, Der blinkend jenseits fließt Dort lacht er dir dort lacht der Hain In frischer Jugendschöne Dort prangt in köstlichem Verein Zumal was Herbst und Lenz verleih’n; In Blüten schläft der Zephyr ein Ihn wiegen zarte Töne.
In heimlich trauter Dämm’rung fließt, Von Flötenhauch geschwellt, Die Lust, von Blumenduft versüßt, Von Mondglanz aufgehellt. Dorthin, o Jüngling! dort zieh’ hin Zum fernen stillen Hain, Zu deines Pfad’s Begleiterin, Die goldne Leier nimm sie hin, Dort - bin ich selber der Gewinn, Dort bin ich ewig dein!“ -
Und da das Wort der Lipp entquoll, Und sie mich angeblickt, Da war’s im Busen mir so voll, So wunderbar entzückt - Und sie entwich gleich Windesweh’n Und ward nicht mehr geseh’n; Sie hörte nicht mein banges Fleh’n, Sie ließ mich zagend zweifelnd steh’n; Soll ich nun hin zum Haine geh’n, Soll ich sie dort erspäh’n? -
Hoch über Klippen führt der Weg, Die tiefe Schlucht entlang Klimmt über’n Fels der schmale Steg Am jähen schroffen Hang. - Und manches Thal durchpilgern mußt, Und manches Land durchzieh’n! - Komm Leier an des Jünglings Brust, Bin ich des Ziels mir doch bewußt, Und alter Schmerz verschönt die Lust, Frisch aus! zum Haine hin! -
Nun wall’ ich schon wol manches Jahr Zum Liebchen in der Fern Es winkt der Hain mir immerdar Blinkt lächelnd wie ein Stern; Hab nimmer Rast, hab nimmer Ruh’ Bis ich das Ziel errang So zieh ich nun der Ferne zu, Und meine Leier rauscht dazu Hab ich nicht Rast, hab ich nicht Ruh’, Da tröstet mich ihr Klang. - Z.