German poem
Tugend-Liebe
by Christian Friedrich Hunold (1680–1721)
Die Schönheit ist ein Feind der frey und reinen Brust/ Die Liebe/ die sie pflantzt/ ein Feind der Ruh und Lust. Doch diese Feinde kan die Kranckheit überwinden/ Die Tugend aber nicht/ in der wir Ruhe finden.
Drum liebt ein edler Geist zwar einen schönen Leib/ Jedoch entflammt ihn mehr ein Engel-gleiches Weib/ Und will in der Natur er die Natur besprechen/ Muß ihm der Tugend-Hand der Schönheit Rosen brechen.
Der Himmel schlichtete den sonderbahren Streit/ Und sprach: der Tugend nur bleibt die Vortrefflichkeit. Doch zancket nicht darum/ vereinigt euch zusammen: Der Menschen-Liebe muß durch euch vollkommen flammen.
Er rief: was ich gesagt/ sey itzo Sonnen-klar/ Und suchte gleich darauf ein ihm beliebtes Paar. Dem gab er sie/ und sprach: den süßen Brand zu heilen/ Solt ihr euch beyde nun in diese viere theilen.
Ich nehme sprach die Braut/ die Tugend in mein Hertz: Sie ist der Seelen-Schatz/ der Engel Lust und Schertz; Die Schönheit an den Leib. Wer will die Liebe haben? Die beyden ersten sind bey mir des Himmels-Gaben.
So kom mein Edler Wolff/ nim beydes Lieben an. Ich find an deinem Thun/ was mich entzücken kan: Gelehrsamkeit/ Verstand/ die Anmuht in Geberden: Wo durch ich schätzbar kan vor vielen Weibern werden.
Die erste Liebe soll nach meiner Tugend gehn; Du wirst dem Glück dadurch unüberwindlich sehn. Die Tugend ist ein Schmuck an Frauen hochzuschätzen/ Ein Atlas in dem Creutz/ ein Leitstern im Ergetzen.
Der Schönheit Liebe nimmt dein Hertz in die Gewalt/ Und giebt der Augen Lust beliebten Aufenthalt. Sie soll die Dienerin von iener Liebe bleiben: In Tugend die Natur vergnügen und vertreiben.
Die ungemeine Braut sprach so viel schönes aus. Denn zog der Bräutigam in ihrer Tugend-Haus/ Und hat der liebe Geist/ den ihre Schönheit rühret/ In ihre keusche Brust durch Priesters-Hand geführet.
Drauf kam er Seegens-Mund und Schloß die kluge That: Verliebt/ doch keusches Paar/ das nebst der Tugend hat In Schönheit sich verliebt/ du wirst in kurtzen schauen/ Wie durch sein schön Geschöpff Gott will Geschöpffe bauen.