German poem
Als die junge Amöne nicht wolte Stand halten
by Christian Weise (1703–1743)
Amöne darff ich mich erkühnen Mit meiner schlechten Höfflichkeit Die süsse Schönheit zu bedienen So sich auß ihren Augen streut? Ach soll ich allerschönstes Bild?
Ach last mich gehn die Muter schilt.
2.
Mein Hertz ich habe schon die Ehre Sie anzusprechen längst gesucht, Sie gebe mir geneigt Gehöre, Sonst bleibt mein Lieben ohne Frucht, Sonst wird mein Wunsch nur halb erfüllt.
Ach last mich gehn, die Mutter schilt.
3.
Mein liebstes Kind sie lasse schelten, Es geht deßwegen uns nicht an, Der Mutter Lehre kan nicht gelten, Sie hats vor diesem selbst gethan, Sie hat sich nicht also verhüllt.
Ach last mich gehn, die Mutter schilt.
4.
Sie ist in ihren besten Jahren, Da muß die Lust gebüsset seyn: Die Mutter wird nicht alls erfahren, Sie gebe sich doch willig drein. Was läufft sie als ein schönes Wild?
Ach last mich gehn, die Mutter schilt.
5.
Mein Schatz, sie seh doch ihres gleichen In dieser Stadt ein wenig an, Wie sie mit ihren Liebsten schleichen, Und kehren sich durchauß nicht dran, Obs bey der lieben Mutter gilt.
Ach last mich gehn, die Mutter schilt.
6.
So opffert sie die schöne Jugend Der höchst-betrübten Einsamkeit? Was hilfft es, daß sich ihre Tugend Bey dieser angenehmen Zeit Mit lauter Lust und Zier erfüllt?
Ach last mich gehn, die Mutter schilt.
7.
Ich will sie endlich gehen lassen, Jedoch auß meinem Hertzen nicht, Da will ich sie beständig fassen, Biß ihr beliebtes Angesicht, In gleichem Liebes-Feuer glimmt.
Ach last mich gehn, die Mutter kömmt.
More by Christian Weise
- Als das Jahr 1663. zu End ging
- Als das Mädgen auff eben dieser Hochzeit nit wolte lustig seyn
- Als das Mädgen sich zu keinen Liebes-Händeln verstehen wolte
- Als die böse Catharis ihren Namens-Tag begieng
- Als er in den Citronen-Keller fiel
- Als er sich unter fremdes Frauenzimmer machen solte
- Als er von der Lisilis muste wegziehen
- Als er von der Reise wiederkam