German poem
Als er von der Reise wiederkam
by Christian Weise (1703–1743)
Ich hätt es nicht vermeint, daß bey den Junggesellen, Wann sie sich freundlich stellen, Die angemaste Treu So wanckelmüthig sey: Weil aber mein Gewissen Mir selbst entgegen scheint, Hab ich offt sagen müssen: Ich hätt es nicht vermeint.
Ich hatt es nicht vermeint. Es sind gar wenig Wochen Indessen angebrochen, Als ich ein schönes Bild Noch vor mein Labsal hielt; Nun seh ich, daß mein Hertze Den Handel gantz verneint, Und spricht noch wohl im Schertze Das hätt ich nicht vermeint.
Doch hätt ichs nicht vermeint: Denn meine Seele brannte, Daß ich mich selbst nicht kannte, Ich redt ich sang von ihr, Stets war ich ausser mir: Nun bin ich zwar geblieben, Ein blosser guter Freund, Doch kan ich sie nicht lieben: Das hätt ich nicht vermeint.
Ich hätt es nicht vermeint: als wir zusammen kamen, Und endlich Abschied nahmen, Da bildt ich mir wohl ein Ich müste traurig seyn. Doch weil mir nun bey andern Das Glücke günstig scheint, So bin ich auch von Flandern. Das hätt ich nicht vermeint.
Das hätt ich nicht vermeint, als ich die Bangigkeiten In meiner Seele streiten, Und Schmertzen und Verdrieß Mich stäts bestürmen ließ. Nun leg ich alles nieder, Und bin ihr zwar nicht feind, Doch komm ich ihr nicht wieder Und hätt ichs nie vermeint.
More by Christian Weise
- Als die junge Amöne nicht wolte Stand halten
- Als er in den Citronen-Keller fiel
- Als er sich unter fremdes Frauenzimmer machen solte
- Als er von der Lisilis muste wegziehen
- Als er vor betrübten Liebes-Grillen nicht schlaffen konte
- Als Läppisch zu Tode complimentieren wolte
- Als sich Lisilis nicht wolte küssen lassen
- Alte Grillen