Versos German Dante Alighieri Das Himmelreich (aus der Göttlichen Komödie)

German poem

Das Himmelreich (aus der Göttlichen Komödie)

by (1265–1321)

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Die Hoheit dessen, welcher für und für, Was ist, bewegt, durchdringt das All der Dinge Und rückstrahlt stärker dort und schwächer hier. Im Himmel, den sein vollstes Licht belebet, War ich und sah, was, wer von jener Höh’ Herniedersteigt, umsonst zu nennen strebet; Weil unser Geist, wenn er hinein sich wagt, Wo sein Verlangen wohnt, sich so versenket, Daß sein Gedächtnis allen Dienst versagt. Doch was mir von dem heil’gen Reich die Seele An Schätzen aufbewahrt, das ist es nun, Was ich zum Inhalt meines Liedes wähle. O laß, Apoll! mein letztes Werk gedeihn! Nimm meinen Busen dir zum Heiligtume, Um für den teuren Lorbeer mich zu weihn! Bis hierher war zu siegendem Gelingen Ein Gipfel des Parnassus mir genug; Nun aber muß ich beide Höh’n erschwingen.

O Götterfülle, werd’ in mir so rege, Daß ich den Schatten jenes Wonnenreichs, Der mir ins Haupt geprägt ist, zeichnen möge! Dann wirst du, wo dein trauter Lorbeer grünt, Mich nahen sehn, mich mit dem Laub zu krönen, Das mir der Stoff und deine Huld verdient. So selten, Vater! pflückt zu Siegeszierden Held oder Dichter Kränze dort für sich (O tiefe Schmach der menschlichen Begierden!), Daß Delphis frohen Gott erhöhte Lust Beleben sollte, wenn der Baum der Nymphe Noch Wünsche weckt in einer edlen Brust. Zur starken Flamme wird des Funkens Glimmen. Vielleicht erflehn nach mir in Cirrhas Hain Den Götterspruch der Weihung beßre Stimmen. – Des Himmels Leuchte geht in Erdgefilden Aus vielen Buchten auf; allein von dort, Wo aus vier Zirkeln sich drei Kreuze bilden, Beginnt sie, mit dem schönsten Stern gepaart, Den schönsten Lauf und formt und prägt am reinsten Den Erdenstoff nach eigner Kraft und Art. Geschieden war der Abend nun vom Morgen In dieser Bucht; hell war der Himmel hier, Und jene Hemisphär’ in Nacht verborgen. Da sah ich Beatrix, gewandt zur Linken, Ihr Auge festen in der Sonne Licht; Kein Adler mocht’ es je so kühnlich trinken. Und wie der erste Strahl den andern zeugt, Der dann mit rascher Eil’ gleich einem Pilger, Der heim sich sehnt, zurück gen Himmel steigt: So bracht’ ihr Tun, das meine Phantasie Durchs Aug’ empfing, mein gleiches Tun hervor: Frei schaut’ ich in den Sonnenball wie sie. Erlaubt ist vieles unsern Kräften dort, Was hier sie übersteigt: so ganz geschaffen Ist fürs Gedeihn des Menschen jener Ort. Mein Aug’ ertrug nicht lange solch Bemühen; Doch sah ich, wie wenn siedend aus der Glut Ein Eisen kommt, ringsum die Funken sprühen. Auf einmal war’s, als käme Tag auf Tag, Als hätte Der mit einer neuen Sonne Das Firmament geschmückt, der’s leicht vermag. Und Beatrix sah, ganz in Schau’n versenket, Die ew’gen Sphären an: Ich wandt’ auf sie Die Blicke hin, von droben weggelenket. Des fühlt’ ich so das Regen innrer Kraft, Wie Glaukus, da er von dem Kraut gekostet, Das ihn erhob zum Los der Götterschaft. In Worte dies Vergöttlichen zu fassen, Ist mir versagt: Das Beispiel gnüge dem, Den einst die Gnad’ es wird erfahren lassen. Ob ich, entbunden aller ird’schen Last, Ganz dein nun war, das weißt du, hohe Liebe! Die du zu dir mich aufgehoben hast. – Die Sphäre, die ihr ewig reges Sehnen Nach dir im Schwunge hält, zog itzt mich an, Durch Harmonien, die du sie lehrest tönen. Und sieh! ein großer Teil der Feste stand, So weit kein See auf Erden sich verbreitet, Vom Strahl der Sonne wie in lichtem Brand. Der ungewohnte Klang, die große Helle Erweckten einen Wunsch, den ich noch nie So heiß gefühlt, zu kennen ihre Quelle. Sie, der mein Innres nie verborgen blieb, Entnahm die Frag’, eh’ ich sie tat, den Lippen Und stillte meinen unruhvollen Trieb. „Du selbst“, so sprach sie, „blendest deine Sinnen Mit falscher Einbildung; drum wirst du das, Was du erblickst, nicht nach der Wahrheit innen. Du stehst nicht mehr auf Erden; das ist Wahn: Ein Blitz, der weg von seiner Heimat eilet, Fliegt minder rasch, wie du zu ihr hinan.“ War ich dem ersten Zweifel nun entronnen Durch ihrer lächelnden Belehrung Wink, So sah ich bald vom zweiten mich umsponnen. „Ein großes Staunen hast du mir geschweigt,“ Sagt’ ich; „doch nun erstaun’ ich, daß mein Körper In diesen leichten Elementen steigt.“ Hierauf erseufzte sie; in ihren Blicken Schien einer Mutter Wehmut, die den Sohn Verirrt im Geiste sieht, sich auszudrücken. Dann hub sie an: „Mit Ordnung angelegt Ist alles Sein: sie ist die Form des Alls, Die es zu Gottes Ebenbilde prägt. Die hohen Götter sehn darin die Spur Der Unvollkommenheit: nach diesem Zwecke Gerichtet steht das Richtmaß der Natur. In solcher Ordnung neigen alle Wesen Sich, nah und fern, zu ihrem Urquell hin, Und jedem ist sein Rang und Ort erlesen. Drum wallen sie im Daseins-Ozean Verschiednen Hafen zu, und alle leitet Ihr anerschaffner Trieb auf eigner Bahn. Der reißt zum Mond hinauf in Feuers Flammen, Der schwellt der sterblichen Geschöpfe Brust, Der drängt den Erdball in sich selbst zusammen. Und nicht erkenntnislose Dinge nur Schließt dieser Bogen ab; auch die mit Liebe Und mit Vernunft begabte Kreatur. Die Vorsicht, die allwaltend sich erweist, Hält durch ihr Licht den Himmel stets in Ruh’, Der den umwölbet, der am schnellsten kreiset. Und jetzo treibt zu jener sel’gen Welt, Wie hin zur Heimat, uns die Kraft der Senne, Die jeden Pfeil zum Ziel der Freude schnellt. Wahr ist’s, wie oft das taube Widerstreben Des Stoffs die Kunst verhindert, ihr Gebild Zu des Entwurfs Vollendung zu erheben: So ebenfalls entfernt sich dann und wann Von dieser Bahn das Wesen, dessen Wollen Die Richtung des Instinkts verändern kann. So sieht man Feuer, wenn den ersten Stoß Zur Erde hin ihm falsche Lust gegeben, Sich niederstürzen aus der Wolken Schoß. Du mußt es nicht zu größerm Staunen sehen, Daß du empor dich hebst, als wenn ein Bach Ins Tal hinabströmt von des Berges Höhen. Wie nie von selbst die Flamme niederfährt, So wär’s ein Wunder, bliebest du in Ruh’ Auf Erden stehn, da nichts dich hemmt und stört.“ Sie sprach’s und wandte sich dem Himmel zu.

Ihr, die ihr meinem Schiff, das durch die Wogen In Liedern schwebt, von Hörenslust geführt, Auf kleinem Kahn bis hierher nachgezogen: O wagt euch nicht ins offne Meer! O kehrt Zu euren Ufern heim! Ihr möchtet nimmer Den Rückweg finden, wenn ihr mich verlört. Dies ist ein See, den Menschen nie befuhren; Minerva haucht, es leitet mich Apoll, Und neue Musen zeigen mir Arkturen. Ihr wen’gen andern, dei ihr früh das Haupt Zum Brot der Engel wandtet, das hienieden Uns nähret, doch niemals Sättigung erlaubt: Ihr dürft wohl kühn das hohe Meer begrüßen. Auf! Steuert meiner Wasserfurche nach Eh’ sich die feuchten Gleise wieder schließen! Ihr werdet mehr erstaunen, als die Schar Glorreicher Kolchosfahrer einst erstaunte, Da Jason nun zum Pflüger worden war. Das anerschaffte stete Urbegehren Des gottgestalten Reiches riß uns fort, Im Flug beinah so eilend wie die Sphären. Empor sah Beatrix, ich schaut’ ihr nach; Und in der Zeit, da von gespannter Senne Ein Pfeil etwan zum Ziele blitzen mag, Sah ich mich hingelangt, wo Wunderfülle Mein Auge zu sich zog; weswegen sie, Vor der mein Innres dalag ohne Hülle, So freudevoll wie schön zu mir gewandt Mir sagte: „Richte dankend deine Seele Zu Gott, der uns dem ersten Stern verband.“ Mir war es, als ob eine Wolke glühte, Glanzvoll, dicht, fest und glatt um uns ergossen, Dem Demant ähnlich, den das Licht durchsprühte. Die ew’ge Perle hat sich uns erschlossen Und nahm uns auf, so wie man sieht das Licht Durch ungetrenntes Wasser gehn und sprossen.

War ich ein Körper und begreift sich nicht, Wie eine Räumlichkeit die andre duldet, Wenn Körper sich durch Körper drängt und bricht; So werde nur noch höh’rer Durst erregt, Zu schaun das Zeichen, welches uns belehret, Wie menschliche Natur Gott in sich hegt! Hier wird man sehn, was Glaube sonst gewähret, Nicht durch Beweis, nein, gleich dem ersten Wahren Des Menschen, einzig durch sich selbst bewähret. „Den Dank will ich andächtiglich bewahren,“ Sprach ich, „o selig Bild, dem, dessen Willen Mich zog von Dingen, welche sterblich waren. Doch sage, welche dunkle Flecken hüllen Sich um den Körper, wegen deren viele Mit Fabeln sich von Kain die Neugier stillen?“ Drauf lächelnd sie: „Wenn von dem rechten Ziele Abirren jene, wo der Wahrheit Siegel Die Sinne nicht eröffnen, lern’ und fühle: Daß weil Vernunft hat kurzbeschnittne Flügel, Den Sinnen nachzufliegen, du mitnichten Dir schießen lassest der Verwundrung Zügel, Doch was du selber denkest, das berichte.“ Drauf ich: „Was unten so verschieden blinket, Bewirken Körper, dünne oder dichte.“ Dann jene: „Was dir jetzt nur so bedünket, Will ich dir zeigen alsbald dergestalten, Daß es vor dir ins Meer des Irrtums sinket. Ihr sehet in der achten Sphäre walten Der Lichter viel und die durch Größ’ und Art Verschieden sind und mannigfach entfalten. Wär’ aller Unterschied nur Dünn und Hart, So wär’ es eine Kraft nur, die sich spaltet, Hier stark, dort wieder schwach, hier grob, dort zart: Allein Natur, die mit den Kräften schaltet, Nimmt sie als Früchte von verschiednen Bäumen Der Bildungsgründe, die sie nie entfaltet. Wär’ des verschiednen Lichts in jenen Räumen Ursache, wie du meinst, das Dünn’ und Dichte, So müßtest du von zweien eins mir räumen, Entweder, daß sich Dünn’ und Dichtes schichte Abwechselnd, oder daß an jenen Stellen Gleichförmig sich die ganze Masse lichte. Das zweite, wär’ es Wahrheit, müßt’ erhellen Bei Sonnenfinsternis: wir würden sehn Hier Licht, wie durch ein andres Dünnes, quellen. Nun siehest du doch dieses nie geschehn; Drum, kann ich hier das erste widerlegen, So siehst du deine Meinung ganz zergehn. Wär’ jenes wahr, so fänd’ auf seinen Wegen Das Licht ein Ziel und käm’ aufs neu zurücke Von dem, was seinem Laufe steht entgegen, So wie die Farbe widerstrahlt dem Blicke Das Glas, dem Blei den Rücken überzieht; Allein schon lahm, hast du noch eine Krücke: Denn daß man doch die Stelle dunkel sieht, Hat, wirst du sagen, seinen Grund darinnen, Daß weit zurück der Strahl erst rückwärts flieht. Allein nun richte einmal deine Sinnen Auf die Erfahrung, jene einz’ge Quelle, Von welcher eurer Künste Bäche rinnen: Drei Spiegel nimm, und zwei derselben stelle Gleichweit von dir, doch ferner noch, ich bitte, Finde der dritte deiner Augen Helle. Und hinter dir, in aller dreier Mitte, Steh’ dir ein Licht, das jene Spiegel zünde, Das widerstrahlt der erste, zweite, dritte, Setz’, daß das fern’re Bild sich enger ründe, So wirst du nie doch sehn, was du geschlossen, Daß es den Weg zu deinem Aug’ nicht finde. Doch so wie von des Sonnenlichts Geschossen Die Erd’ nicht ändert Frischheit noch Gesicht, Befreit des Schnees, der über ihr zerflossen, So soll von solcher Kraft und Feu’r ein Licht Den unberührten Sinn dir nun entzünden, Daß es sich dir im Auge zitternd bricht. Drin in des ew’gen Friedens stillen Gründen Wälzt sich ein Körper, worin alle Macht Der Ding’ und ihre Kräfte sich verbünden. Der zweite Himmel nach ihm, welcher lacht Aus so viel Augen, teilt aufs neu, genesen Von vielen Dingen, jenes Himmel Pracht. Die weitern Kreise haben auserlesen Ein jeder sich die Kräfte, die ihm frommen, Und teilen sie nach Zwecken aus und Wesen. Du siehst der Welt Organe gehn und kommen Von Grad zu Grad, wie sie nach unten wirken Mit dem, was sie von oben sich genommen,

Im Schwung von jenen heiligen Bezirken Muß, wie des Künstlers Feu’r in seinen Werken, Noch wehen der Beweger selig Wirken. Der hohe Sinn, des unerforschte Stärke Den Himmel lenkt, prägt in ihm aus sein Bild Und drückt’s ihm auf, daß man sein Siegel merke. Und wie die Seel’ in eurem Staube quillt, Absondernd sich in vielgestalte Glieder, In die verschiedne Kräfte sie gehüllt, So die Intelligenz, die auf und nieder Durch Sterne streut die Gunst, die sie regieret, Doch immer kreist in ihre Einheit wieder. Verschiedne Kraft, verschiedentlich formieret Die kostbare Materie, die sie wählet, Und die sie, wie das Leben euch, legieret, Kraft der Natur, von welcher sie beseelet, Strahlt, wie die Freude durch belebtes Auge, Die Kraft durch Körper, denen sie vermählet. Nicht, daß das Licht in Dünn’ und Dichtes tauche Abwechselnd, macht das Helle oder Dunkle, Nur von des bildenden Prinzipes Hauche Kommt’s, daß der Körper trüb sei oder funkle.“

O tolles Tun der blöden Menschenwelt! Welch ein Betrug verkehrter Syllogismen, Der deine Flügel so am Boden hält! Der trieb die Rechte, der die Aphorismen, Der jagte nach dem Priestertum, und der Nach Herrschaft durch Gewalt und durch Sophismen; Der raubte, der besorgte sein Gewerb; Der fand, in Fleischeslüsten sich ermüdend, Und der in Trägheit schnöden Zeitverderb: Indessen ich, befreit von dem Getümmel, Zu hochgelobter Glorie gediehn, Mit Beatrix dort oben war im Himmel.

Der Ein und Zwei und Drei, der immer bleibet Und immer herrscht in Drei und Zwei und Ein Und, nicht umschrieben, alle Ding’ umschreibet . . .

Ich fühlte so von Liebe mich durchdrungen, Daß ich noch nie zuvor ein Ding gekannt, Das mit so süßen Banden mich umschlungen.

Schon heftet’ ich das Auge wieder hin Auf meine Huldin, und die Seel’ im Auge, Und alles andre schwand vor meinem Sinn. Ich sah kein Lächeln ihre Stirn umwallen; Doch hub sie an: „Du würdest, lächelt’ ich, „Wie Semele in Asche niederfallen. Denn es entglüht, wie du gesehen hast, So wie wir steigen, meine Schöne lichter Auf jeder Stuf’ im ewigen Palast. Wollt’ ich sie jetzt dir ungeschwächt entfalten, Dein sterblich Teil erläge vor dem Strahl, Gleich einer Staude, die der Blitz gespalten.“

So Beatrix: ich aber, voll Vertrauen Auf ihren Rat, begab noch einmal mich In das Gefecht der schwachen Augenbrauen.

Ich fühlte meine Sehkraft sich entzünden, Daß, wär’ ein Glanz auch noch so ätherhell, Ihm würde doch mein Auge nicht erblinden, Nun sah ich Licht mit wunderhehrem Glänzen, Wie einen Strom, von Ufern eingefaßt; Die Ufer voll vom Schmuck des holden Lenzen. Ich sah den Bach lebend’ge Funken sprühn, Die dann aus tausend Blumenkelchen blitzten, So wie, von Gold umgeben, ein Rubin. Bald tauchten sie, wie von den Düften trunken, Sich wieder in den Schoß der Wunderflut, Und neue kamen, eh sie noch versunken. „Das hohe Sehnen, das dich drängt und füllt, Nach Kunde dessen, was du siehst, entzücket Mich um so mehr, je mehr es in dir schwillt. Doch mußt du erst von diesem Taue saugen Eh solcher Durst in dir befriedigt wird.“ So sagte mir die Sonne meiner Augen. Und ferner noch: „Der Fluß, der Funken Schein, Die um ihn schwärmen, und der Blumen Lächeln Umschatten deutungsvoll ihr wahres Sein. Zwar sind sie an sich selbst nicht unergründlich, Doch es gebricht an deinem Teil; denn noch Ist dein Gesicht zu schüchtern und empfindlich.“ Kein Säugling, wenn er nun dem Schlaf’ entwacht, Wirft sich so schmachtend an der Mutter Busen, Der lang’ ihm keine Labung dargebracht, Als ich herab mich neigte zu den Wellen, Worin den Wesen Heil herniederströmt, Um meiner Augen Spiegel zu erhellen. Kaum aber trank der Augenlider Saum Die ersten Tropfen, als des Flusses Länge Verwandelt schien in einen Zirkelraum. Hierauf, so wie verlarvte Tänzerscharen, Die das entlehnte Selbst nun abgelegt, Viel anders wie zuvor sich offenbaren: So wandelten die Funken sich und Blüten In höh’re Jubel mir; der Himmel schien Sein doppelt Reich mir offen darzubieten. O du, der Gottheit Glanz! Durch den ich da Der sel’gen Welt Triumphespracht erblickte; Verleih mir Kraft zu sagen, wie ich’s sah! Es ist dort oben eine reine Klarheit, Darin erscheint der Schöpfer dem Geschöpf, Das Frieden sucht im Schauen ew’ger Wahrheit. Und sie erstreckt so weit sich, rundgestaltet, Daß ihrer Umfangslinie mächt’ge Bahn, Zu breit zum Sonnengürtel, sich entfaltet. Ein Strahl nur scheint sie ganz; und dieser wallt Rückstrahlend auf des höchsten Himmels Bogen, Gibt Leben ihm und schaffende Gewalt. Und wie zum Bach an seinem Fuß ein Hügel Sein Bildnis neigt, als säh’ er, hold geschminkt Mit Grün und Blumenschmelz, sich gern im Spiegel: So schien sich alles, was von uns nach droben Zurückgekehrt, zu spiegeln in dem Licht, Auf tausend Stufen ringsherum erhoben. Und faßt in sich die unterste der Reihn So großes Licht, wie weit entfaltet müssen Die äußern Blätter dieser Rose sein? Mein Auge maß mit ungehemmtem Schweifen Die Höh’ und Weite durch, es wurd’ ihm leicht, Den Umfang all der Wonne zu begreifen. Hier gibt und nimmt die Näh’ und Ferne nicht: Denn das Naturgesetz hat da, wo Gott Unmittelbar regieret, kein Gewicht.

So betet’ ich: sie, auf dem Sitz der Wonnen, Sah mich von fern, so schien es, lächelnd an; Und wandte dann sich zu dem ew’gen Bronnen.

„O Jungfrau, Tochter des, den du gebarst, So demutsvoll und hoch, wie sonst kein Wesen, Die du das Ziel des ew’gen Rates warst! Du hast die menschliche Natur vor allen Geadelt, daß ihr Schöpfer nicht verschmäht, Als sein Geschöpf zur Erd’ herabzuwallen. In deinem Schoß ist wieder neu entglüht Der Liebesstrahl, durch den in ew’gem Frieden So diese Himmelsblum’ emporgeblüht. Du bist für uns hier Mittagssonnenhelle Der Liebe; nieden in der Sterblichkeit Bist du der Hoffnung labungsvolle Quelle. Du bist so groß, so mächtig, Königin! Wer Gnade will und nicht an dich sich wendet, Will Fliegens ohne Fittige Gewinn. Nicht nur bereit, den Bittenden zu laben, Ist deine Huld; du eilst gar manches Mal Der Bitte selbst zuvor mit freien Gaben. Du bist erbarmungsvoll, voll Güt’ und Milde: Was nur an Tugend eine Geschöpf besitzt, Vereinst du nach dem höchsten Ebenbilde. Sieh diesen hier, der von der tiefsten Bucht Des Weltgebäudes bis zu dieser Höhe Der Geisterreiche jegliches besucht! Er fleht dich an, du wollest sein Bestreben Begnadigen, sein Auge höher noch Zum letzten Heil der Wesen zu erheben. So heiß entglüht, wie je für eignes Schau’n, Bet’ ich für seins die innigsten Gebete: O laß mich nicht vergebens auf dich trau’n! Nimm durch dein Fürwort jede Nebelhülle Der Sterblichkeit, die noch ihn fesselt, weg, So daß sich ihm die höchste Wonn’ enthülle! Noch bitt’ ich (was du willst, vermagst du ja), O Königin, erhalte seine Triebe In Zukunft rein, nachdem er so viel sah! Laß heiligend in ihm dein Aufsehn walten! Sieh, wie bei meinem Bitten Beatrix Und tausend Sel’ge dir die Hände falten!“ – Die Augen, welche Gott so ehrt als liebt, Bewiesen, auf den Beter hin geheftet, Wie hohen Wert sie brünst’gen Bitten gibt. Dann wandten sie sich zu dem ew’gen Lichte, Worein so hell kein andres Auge blickt, Noch so von Angesicht zu Angesichte. Ich aber, der dem Ziel der Wünsche nun Sich endlich nahte, ließ, wie mir’s geziemte, Des Sehnens Glut in meinem Innern ruhn. Mit Lächeln winkte Bernhardt mir: ich sollte Den Blick nach droben wenden; doch ich tat Aus eignem Triebe schon so wie er wollte! Dieweil mein stets erstarkendes Gesicht Stets tiefer drang und tiefer in die Strahlen Aus diesem uranfänglich hellen Licht. Von nun an war für unsres Redens Hülle Mein Schau’n zu hoch; und alle Sprache weicht, Und das Gedächtnis weicht der Überfülle. Wie einem ist, der Traumgestalten sieht, Und nach dem Traum ist alles ihm entschwunden, Nur das Gefühl erfüllt ihm sein Gemüt: So ist auch mir: fast ohne Spur verloren Ist die Erscheinung, und doch träuft wie Tau Im Busen mir das Süß, das sie geboren. So wird der Schnee am Sonnenschein entsiegelt; Also verlor auf leichten Blättern sich Der Spruch Sibyllens, durch den Wind beflügelt. O höchstes, keinem sterblichen Bemühn Begriffnes Licht! Leih meinem Geiste wieder Ein kleines Teil von dem, was ihm erschien! Laß Wunderkraft die Zunge mir beleben, Um einen Funken deines Preises nur Dem kommenden Geschlecht zu übergeben! Hat die Erinn’rung etwas nur bewahrt, Tönt etwas nur in diesen armen Zeilen, So wird dein Sieg vollkommen offenbart.

So wie der Geometer sich vertieft, Und das Gesetz, des er bedarf, nicht findet, Wenn er das Maß des Zirkels sinnend prüft: So war auch ich bei diesem Wunderscheine. Ich woll’ erkennen, wie das Bild dem Kreis Sich einverleibt im innigsten Vereine. Dem eignen Flug mißlang die kühne Müh; Doch ward mein Geist von einem Blitz getroffen, Der seinem Wunsch Befriedigung verlieh. Die hohe Phantasie ward hier besiegt. Schon aber lenkte meinen Trieb, mein Wollen, So wie ein Rad in ebnem Schwunge fliegt, Die Lieb’, aus deren Kraft die Sphären rollen.