German poem
Die Büßungswelt (aus der Göttlichen Komödie)
by Dante Alighieri (1265–1321)
Das Schifflein meines Geistes spannt nunmehr Die Segel auf zur Fahrt auf bessern Fluten; Denn es enteilt dem grauenvollsten Meer. Und jenes zweite Reich will ich besingen, Wo büßend sich des Menschen Seele weiht Und würdig wird, gen Himmel sich zu schwingen. Laßt hier die tote Poesie erstehn, O heil’ge Musen, weil ich euch gehöre, Und laßt Kalliope den Flug erhöhn! Auf daß mein Lied in jenem Ton erschalle, Der siegend einst die armen Elstern traf, Zu ew’ger Schmach und zu verdientem Falle. – Von östlichem Saphir ein milder Duft Verbreitete bis hin zur ersten Sphäre Sich durch die Heitre der entwölkten Luft. Des labte sich mein Auge, jenen Schatten Der toten Nacht entflohn, die mir vorhin Die Brust beklemmt, die Sinn’ umnebelt hatten. Gen Morgen stand der Liebe holder Stern Und hüllt’ in Schimmer sein Gefolg’, die Fische; Es lächelte der Ost ihm nah und fern. Ich wandte mich zur Rechten und erblickte Am andern Pol vier Sterne, deren Schein Allein die ersten Sterblichen erquickte. Der Himmel schien ob ihrem Licht erfreut! O nördliche verwaiste Regionen, Die ihr beraubt der schönen Funken seid!
Wir traten zu ihm: o wie standest du, Lombardengeist, mit stolzem, ernstem Wesen, Wie rolltest du den Blick voll Würd’ und Ruh’! Er ließ uns, ohn’ ein Wort zu uns zu sagen, Vorübergehn und schaute nur uns nach: So pflegt ein Löw’ in Ruh’ das Haupt zu tragen. Doch da Virgil nun näher zu ihm trat, Von ihm den besten Ausgang zu erkunden, Erwidert’ er nicht das, was jener bat; Nun fragt’ er nach dem Land, das uns geboren. Mein holder Freund begann kaum: „Mantua“ – Als schnell der Schatten, ganz in sich verloren, Von seinem Stand sich ihm entgegenschwang Und rief: „Ich bin Sordello, Mantuaner! Aus deiner Stadt!“ und in die Arm’ ihn schlang. – Weh dir, Italia, du Haus der Jammer! Schiff ohne Steuermann im wilden Sturm! Nicht Länderherrin, nein, der Unzucht Kammer! Sieh, wie so eifrig dieser edle Geist Nur um den süßen Klang des Vaterlandes Dem Stadtgenossen Ehr’ und Lieb’ erweist: Derweil in dir die Menschen sich befehden, Und die Ein Wall, Ein Graben in sich faßt, Einander stets zu plagen sich entblöden. O schau’ dich um an deiner Meere Strand, Unsel’ge! Dann blick’ in deinen Busen! Von welchem Fleck ist Friede nicht verbannt? Was hilft es, daß Justinian die Zügel Dir angeschirrt, als zu vermehrter Schmach? Denn leer ist, ach! dein Sattel, deine Bügel. Du Volk, das du, dem Kaiser hold und treu, Im Sattel gern ihn sitzen lassen solltest, Du trägst vor Gottes Satzung wenig Scheu! – Sieh, wie das Tier unbändig löckt und schlägt, Weil es der Sporen Züchtigung nicht fühlte, Seit du die Hand ihm ans Gebiß gelegt. O deutscher Albrecht, der sich ihm entzogen, So daß es wild und widerspenstig ward, Statt dich zu schwingen in den Sattelbogen! Dein Blut verzehr’ ein richtendes Verderben Und mach’ an dir den Zorn der Sterne kund, Zur grausen Warnung deines Thrones Erben! Weil euch Gewinneslust nach drüben trieb, Hast du und hat dein Vater es gelitten, Daß öd und wüst des Reiches Garten blieb. Die Filippeschi und Monaldi zagen; Sorgloser! Komm und sieh, schon unterdrückt Die Capelletti und Montecchi klagen! Grausamer! Sieh, wie’s deinen Treuen geht! Gedenk’ an ihre Drangsal, ihre Schäden Und sieh, wie sicher Santafiore steht! O komm und siehe deine Roma weinen! Verwitwet, einsam, ruft sie Tag und Nacht: „Mein Cäsar, willst du nie dich mir vereinen?“ – Komm dann und siehe, wie so inniglich Dies Volk sich liebt; und rührt dich Mitlied nimmer, So komm und schäme deines Rufes dich! – Und du, für uns zum Kreuzestod gesendet, Darf ich mich unterwinden, höchstes Heil? Hat sich dein gnädig Aug’ uns abgewendet? Wie? Oder wird dadurch ein künftig Gut Bereitet, unserm Denken ganz verschlossen, Weil’s noch im Abgrund deines Rates ruht: Daß jede Stadt Italiens voller Dränger Und jeder Bube zum Marcellus wird, Beweist er nun sich als Parteiengänger? – Du, mein Florenz, magst wohl zufrieden sein Mit dieser Abschweifung, die dich nicht kümmert; Dank deines Volkes schlauen Grübelein! Viel’ sind mit Wortespfeilen karge Schützen, Obschon Gerechtigkeit im Herzen wohnt: Dein Volk nur trägt sie auf der Zunge Spitzen. Viel’ weigern sich gemeiner Stadtgeschäfte: Dein Volk nur beut sich unberufen an Und schreit: „Ich lade sie auf meine Kräfte!“ So juble dann! Du hast ja guten Grund. Bist du nicht friedensvoll, bist reich, bist weise? Die Tat macht meiner Rede Wahrheit kund. Athen und Sparta, die die bürgerlichen Gesetze klug im Altertum vefaßt, Sind schwache Lehrlinge, mit dir verglichen, Weil du so feine Vorkehrungen spinnst, Daß kaum bis zu Novembers Mitte dauert, Was im Oktober du mit Fleiß ersinnst. Wie oft hast du Gesetze, Münzen, Sitten Seit dieser Menschen Denken umgetauscht? Wie oft Verwandlung der Gestalt erlitten? Erprüfst du dich, und bist nicht gar verblendet, So wirst du jener Kranken dich vergleichen, Die hin und her auf weichem Flaum sich wendet, Um ruhelosen Schmerzen zu entweichen.
Schon kam die Stunde, die in weichem Gram Des Schiffers Wunsch zur Heimat lenkt am Tage, Da er von seinen Lieben Abschied nahm; Und die des Wallers Brust mit regem Sehnen Verwundet, wann er ferne Glocken hört, Die sanft des Tages Sterbeklage tönen.
Es war die Stunde, wo beim frühen Schimmer Des Tags die Schwalb’ ihr Klagelied beginnt, Als dächte sie ihr altes Leid noch immer; Und wo der Geist dem Körper sich entzieht Und, frei von irdisch drückenden Gedanken, Tiefahnend göttliche Gesichte sieht. Da träumt’ ich, auf vergoldetem Gefieder Schwebt’ über mir ein Adler in der Luft Und wägte sanft die Flügel auf und nieder. Es deuchte mir, ich läg’ auf jener Flur, Wo Ganymedes einst, geraubt den Seinen, Empor zum hohen Götterrate fuhr. Ich dachte still: Um Raub hinwegzutragen, Verschmäht der Vogel andre Plätze wohl, Und will nur hier nach seiner Sitte jagen. Noch schwebt’ er so, dann, schrecklich wie ein Blitz, Kam er herabgeschossen, wie mir deuchte, Und riß mich hin bis zu des Feuers Sitz. Die Flamm’ ergriff uns beide lichterloh; Ich fühlte sie, die eingebild’ten Gluten, Daß Traum und Schlummer alsobald mich floh. Nicht anders fuhr Achilles auf im Schrecken Und rollte sein erwachtes Aug’ umher, Unfähig, wo er wäre, zu entdecken, Als ihn im Schlaf, aus Chirons Höhl’ entführt, Der Mutter Arm nach Skyros hingetragen, Wo ihn nachher die Griechen ausgespürt: Wie ich empor mich riß, erstaunt, erblichen, Gleich einem, den ein Schauer überfällt, Da nun der Traum von meiner Stirn gewichen. Und sieh! Mein Hort allein stand mir zur Hand; Zwei Stunden war die Sonne schon gestiegen, Und mein Gesicht war auf die See gewandt.
Eh’ noch die Luft in ebnes Grau zerronnen, So weit des Horizonts Gewölbe reicht, Und eh’ die Nacht ihr ganzes Feld gewonnen, Nahm unser jeder eine Stufe sich Zur Ruhstatt, weil uns durch die Art des Berges Zum Steigen mehr die Kraft als Lust entwich. Gleichwie, wenn sie sich satt gegrast, die Ziegen In Frieden wiederkäuen, die zuvor Mit wildem Mut auf Bergeshöhen stiegen: Sie ruhn im Schatten, weil die Sonne glüht, Indes ihr Hirt, auf seinen Stab sich lehnend, Mit treuem Pflegerblick sie übersieht; Und wie ein Schäfer, in der nächt’gen Stille, In freier Luft bei seiner Herde wacht, Auf daß kein Raubtier sie mit Schrecken fülle: So ruhten wir daselbst nun, still vereint, Ich wie die Geiß, und sie wie meine Hüter, Von Felsenwänden rechts und links umzäunt. Man sah den Himmel kaum an dieser Stelle; Doch, wo die Aussicht frei war, schienen mir Die Sterne wunderbar an Größ’ und Helle. So sinnig blinkend nach dem Firmament Fand mich der Schlaf; der Schlaf, der manches Mal Ein Ding von fern, eh’ sich’s begibt, erkennt. Und um die Stunde, wo die ersten Strahlen Der stets von Lieb’ entglühten Cypria Von Osten sich zu uns herüberstahlen, Da wähnt’ ich träumend, eine Wies’ entlang Säh’ ich ein Weib in Jugendschöne wandeln; Und, Blumen pflückend, sagte sie und sang: „Wer mich befragt, dem will ich es verkünden: Ich heiße Lea und bewege rings Die schönen Hände, einen Kranz zu winden. Ich schmücke mich, dem Spiegel schön zu sein; Doch Schwester Rahel weicht von ihrem nimmer. Sie ruht und sieht den ganzen Tag hinein. Der holden Augen Schau’n ist all ihr Schmachten, Wie meins der Hände selbstgewähltes Werk. Ich finde Wonn’ im Tun, sie im Betrachten.“ – Das Frühlicht, das vor Tagesanbruch blinkt, Dem Waller auf der Rückfahrt so willkommen, Je näher schon ihm seine Heimat winkt, Verjagte rings umher die tiefen Schatten Und meinen Schlaf; ich raffte flugs mich auf, Weil schon die Führer sich erhoben hatten. „Heut wird vom Hunger dir die süße Frucht Genesung schaffen, die an so viel Zweigen Der Sterblichen vergebne Sorge sucht.“ Mit diesen Worten red’te mich Virgil Begrüßend an, und keine Freundesgabe Erregte je mir solch ein Lustgefühl. Verdoppelt ward mein Trieb hinanzudringen Durch neuen Trieb; es war bei jedem Schritt, Als wüchsen zu dem Fluge mir die Schwingen. So blieb die Stiege unter uns zurück: Wir standen nun auf ihrer obern Stufe, Da heftete Virgil auf mich den Blick Und sprach: „Du sahst das ew’ge Feuer brennen; Dann das der Büßung, Sohn! Nun bist du hier, Wo ich, aus mir, nichts weiter mag erkennen. Durch Kunst und Einsicht bracht’ ich dich hierher: Jetzt wähle dir die Lust zur Führerin! Hier ist nicht steiler Pfad noch Mühsal mehr. Sie schon die Sonne deine Stirn beglänzen! Sieh Blumen dort, und Rasen, und Gebüsch, Die hier die Erd’ aus eigner Fülle kränzen! Bis dir die Augen, wonnevoll und schön, Begegnen, die dir meine Hilf’ erweinet, Kannst du hier ruhn und kannst dich auch ergehn. Erwarte länger nicht mein Wort, mein Winken! Dein Will’ ist frei, gerecht, untadelig; Verkehrt wär’s, nicht zu tun nach deinem Dünken. Drum krön’ ich über dich zum Fürsten dich.
Schon sehnt’ ich mich, das frische, dichte Grün Der gottgeweihten Waldung zu durchspähen, Wo dämmernd nur der junge Tag erschien. Und ohne Säumen wandt’ ich vom Gestade Mich zu den Augen leise, leise hin, Auf überall von Duft erfülltem Pfade. Ein süßer Hauch, mit immer gleichem Zug Dem Hain entwallend, wie ein Maienlüftchen, Berührte mir die Stirn in lindem Flug. Des hatten sanft erschauend sich gewendet Die Blätter alle nach der Gegend hin, Wohin der Berg den ersten Schatten sendet. Doch ihre rechte Lage störte dies Nicht so, daß sich der Sänger Volk in Wipfeln Dadurch in seinen Künsten irren ließ. Mit voller Lust begrüßten sie den Morgen, Im Laub, das rauschend ihren Liedersang In tieferm Ton begleitete, verborgen. So, in dem Fichtenwald bei Chiassi, windet Gemurmel sich von Ast zu Ast hinab, Wenn den Scirocco Äolus entbindet. Schon hatte mich der alte Hain empfangen, So daß ich nun die Stelle nicht mehr sah, Wo stillen Trittes ich hineingegangen. Und sieh! ein Bächlein hemmte meinen Gang, Das nach der Linken zu mit kleinen Wellen Den Rasen bog an seines Bettes Hang. Die reinsten Wasser, die hienieden quillen, Sie würden trüb erscheinen und gemischt Bei diesen Fluten, welche nichts verhüllen; Obwohl ihr Pfad verstohlen hin sich schlingt, Hoch überwölbt von ew’gem Schattendunkel, Wodurch kein Strahl von Mond noch Sonne dringt. Mein Fuß blieb stehn, und meine Augen flogen Den Bach hinüber, von dem Lustgemisch Der grünen Sommerstauden angezogen. Und wie ein schönes Wunder, das den Geist, Dem die Erscheinung plötzlich dar sich bietet, Hinweg von allem andern Denken reißt, Erschien mir da ein Weib, die mit Gesange Sich einsam auf dem Wiesenschmelz erging Und Blum’ auf Blum las auf ihrem Gange. „O holdes Weib, belebt von Himmelsglut, Wie mir die lieblichen Gebärden sagen, In denen oft die Seele kund sich tut! Vergib,“ so sagt’ ich, „wenn ich kühn dich bitte: Komm näher! Wend’, auf daß mein Sinn dein Lied Vernehmen mag, zu diesem Bach die Tritte! Du rufst in mir ein täuschend Bild hervor Von Proserpinens Reiz und jenem Tale, Wo sie den Lenz, die Mutter sie verlor.“ – Wie Tänzerinnen sich auf zarten Füßen Behende drehn, so daß im engen Schritt Die Fersen stets sich aneinanderschließen, So wandt’ auf Gold- und Purpurblümlein sich Das schöne Weib zu mir heran und senkte Die Augen mädchenhaft und sittiglich. Sie machte des mich froh, was ich begehrte, Und nahte mir sich so, daß ich nunmehr Den süßen Ton samt seiner Deutung hörte. Sobald ich hinkam, wo in sanftem Lauf Der schöne Fluß des Rasens Halme badet, Schlug sie mit Huld die Augenlider auf. Ich glaube, selbst von Venus’ Wimpern blitzte Kein Licht wie dies, als ihres Sohnes Pfeil Ihr einst den ungewohnten Busen ritzte. Sie lächelte vom andern Ufer her Und pflückte stets noch von dem Wunderboden Der ohne Saat entsproßten Farben mehr. Obwohl der Fluß drei Schritt’ uns nur entfernte, So war der Hellespont, wo Xerxes einst Die Ohnmacht seines Trotzes fühlen lernte, Verhaßter doch Leandern nicht, wenn ihn Der Fluten Ungestüm von Sestos bannte, Als der mir jetzt ein Feind und Neider schien.
Der Nordstern, der am höchsten Himmel funkelt, Der nimmer Untergang noch Aufgang kennt, Von keinem Nebel als von Sünd’ umdunkelt, Und der von ihrer Pflicht die Sel’gen dort Belehrt, wie der an unsrer niedern Feste Den Steu’rmann leitet zum gehofften Port, Stand nun in Ruh’: als jene Bundsgefährten, Die vor dem Greifen hergezogen, sich Zum Wagen, wie zu ihrem Frieden, kehrten. Und Einer, wie von Gott gesendet, sprach Und sang es dreimal laut: „Komm, meine Traute, Vom Libanon!“ und alle riefen’s nach. Wie sich, wenn einst der letzte Ruf erschallt, Die Sel’gen schnell der Höhl’ entreißen werden, Gekleidet in verherrlichte Gestalt: So standen hundert Diener Gottes, Boten Der ew’gen Ruh’, vom Siegeswagen auf, Sobald das Wort des Greises sie entboten. „Gesegnet, der da kommt!“ rief all die Schar; Und, Blumen übers Haupt und um sich werfend: „Bringt Lilien mit vollen Händen dar!“ Ich sah zuweilen, wann der Tag begonnte, Des Ostens Regionen rosig blühn Und schöne Bläue sonst am Horizonte; Und sah die Stirn der Sonne wie im Schatten Der Dünste sich erheben, so daß lang Die Augen sie ertrugen, ohn’ Ermatten. So, in der Blütenwolke, die empor Aus Engelhänden stieg und, wieder fallend, Sich in dem Wagen und ringsum verlor, Erschien ein Weib mir, über weißem Schleier Mit Öl bekränzt; ein grüner Mantel flog Um ihr Gewand, von Farbe licht wie Feuer. Und meinem Geist, der schon so lange Zeit Vordem in ihrer Gegenwart gewohnet, Betäubte nicht des Staunens Bangigkeit. Geheime Kraft, die von ihr ausging, weckte Die Allgewalt der alten Lieb’ in mir, Eh’ meinem Schau’n ihr Auge sich entdeckte. Kaum aber wurde mein Gesicht geblendet Vom Strahl der hohen Kraft, die mich durchblitzt, Eh’ ich der Kindheit Tage noch vollendet, So wandt’ ich mich zur Linken, so bewegt, Wie sich ein Kind zum Mutterbusen flüchtet, Wenn es erbangt und wenn es Kummer hegt. „Mir bebt in Adern jedes Tröpflein Blut,“ So wollt’ ich zu Virgilen sagen: „siehe, Das sind die Zeichen meiner alten Glut!“ Doch ach! Virgil war schon uns weggeschwunden, Virgil, mein Vater und mein holder Freund, Virgil, den ich zu meinem Heil gefunden. Was Eva einst verlor, half da mir nicht, Um unbetaut die Wangen mir zu wahren; Es trübten Tränen doch mein Angesicht. „Du weinest, weil Virgil sich dir entrissen? Nein, Dante, weine noch, o jetzt noch nicht! Du wirst ob andrer Dolche weinen müssen.“ – Wie ein Seeheld, der am hohen Bord Das Schiffervolk in seinem Tun beachtet Und es ermutigt durch sein Herrscherwort, So sah ich an des Wagens linker Lehne, Als ich mich wandt’ auf meines Namens Ruf, Den ich, weil Not es fordert, hier erwähne, Das Weib, das mir zuvor die Jubelschar Der Himmlischen verschleiert, deren Auge Von drüben her auf mich geheftet war. Obschon der Schleier, der von ihrem Haupte, Von Pallas Laub umgeben, niederfiel, Ihr Antlitz frei zu schauen nicht erlaubte, Fuhr sie doch stolz, nach königlicher Art, Zu reden fort, wie einer, der im Herzen Noch glühendere Reden aufbewahrt. „Wohl bin ich Beatrix! Schau her und siehe! Wie mühtest du dich doch den Berg hinan, Und wußtest nicht, daß Menschenheil hier blühe?“ Mein Aug’ fiel nieder in die klare Flut; Ich sah mich drin und wich bestürzt zum Rasen, So lastete die Scham mir Stirn und Mut. Sie schien mir übermütig, wie dem Sohne Die Mutter scheint, wenn sie ihn bitter schilt. Grausame Güte war in ihrem Tone. Sie schwieg; die Engel sangen plötzlich nun: „Ich trau’, o Herr, auf dich!“ doch bei der Zeile: „Auf weiten Raum“, da ließen sie’s beruhn. So wie sich zwischen den bemoosten Stämmen Des Apennin der Schnee zu Eis verdickt, Wenn Winterstürm’ ihn hoch zusammendämmen; Dann in sich selbst zertaut, sobald der Wind Dem schattenlosen Teil der Welt entwehet, Wie eine Kerz’ am Feuer schnell zerrinnt: So war ich tränenlos und ohne Stöhnen, Eh’ jene sangen, deren Lieder stets Akkorde mit den ew’gen Sphären tönen. Doch als ich in den süßen Melodien Ihr Mitleid so vernahm, als ob sie sagten: „O holdes Weib, warum zermalmst du ihn?“ Da ward der Frost, der rings mein Herz umschlossen, Zu Hauch und Tau, die aus beklommner Brust Sich nun durch Mund und Auge frei ergossen. Sie stand zur Rechten auf dem Wagen dort Noch stets und wandte zu den heil’gen Wesen Ihr Antlitz nun, und nahm also das Wort: „Euch ist des Lebens ew’ger Tag beschieden, Und Nacht und Schlaf entzieht euch keinen Schritt Der Sterblichkeit auf ihrem Wege nieden. Allein, auf daß mich jener Sohn der Erden Vernehme, red’ ich doch mit solchem Fleiß: Denn Buß’ und Schuld soll gleich gemessen werden. Nicht durch die Macht der Himmelskreis’ allein, Die, je nachdem die Sterne sich gesellen, Jedwedem Keime Form und Art verleihn; Nein, auch durch Gottes reiche Gnadenfülle, Die aus so hohen Wolken sich ergießt, Daß nie ein Aug’ erforscht, woher sie quille, War er beim Eintritt in sein neues Leben Berufen und bestimmt, sich wunderbar Hervorzutun in jedem edlen Streben. Doch wüster wird und dorniger ein Feld, Mit schlechter Saat besät und unbeackert, Je mehr ihm üpp’ge Kraft den Boden schwellt. Auf kurze Zeit bewahrt’ ihn meine Jugend: Ich ließ ihn in mein kindlich Auge schaun Und führt’ ihn so mit mir den Weg der Tugend. Doch kaum, daß ich hier oben Bürgerin, Noch früh am Tage meines Lebens, wurde, Verließ er mich und gab sich andern hin. Als ich, befreit von meinem Erdenschleier, Zu höh’rer Schön’ und Tugend war gediehn, War ich ihm minder lieb und minder teuer. Nach Glücksphantomen trieb ihn nun sein Hang, Die stets in dem, was sie verheißen, lügen, Und trieb aus Irr’ in Irre seinen Gang. Der Himmel hat ihn, mir zulieb’, gelockt, In Träumen oft, und oft mit leisen Stimmen; Allein umsonst! Er ward nur mehr verstockt. Und fiel so tief, daß alle Mittel nun Ihn nicht mehr retten konnten, außer dieses, Ihm der Verworfnen Wohnung aufzutun. Darum durchwandelt’ ich der Toten Pforte Und rührte den, der ihn hierhergebracht, Durch bange Seufzer und durch fleh’nde Worte. Gebrochen würde Gottes hoher Rat, Dürft’ er sogleich in Lethes Flut sich baden, Und müßte nicht zuvor für solche Tat In bittern Tränen sich der Reu’ entladen.“
O Strahlen ewiger, lebend’ger Helle! Wer sann so blaß sich in Parnassus’ Schatten, Und trank so tief Apollos reine Quelle, Daß sein Gemüt nicht schiene zu ermatten Bei dem Bemühn, zu sagen, wie ihr waret, Wo euch die Himmel tönend überschatten, Nun hüllenlos den Lüften offenbart.
Ich kehrte von den heil’gen Wellen wieder, Wie junge Pflanzen mit verjüngten Sprossen. Voll Jugendkraft die neugebornen Glieder, Zum Sonnenflug geweihet und entschlossen.