German poem
Mein stilles Lied
by Else Lasker-Schüler (1869–1945)
(Meiner lieben Malerin Alice Trübner)
Mein Herz ist eine traurige Zeit, Die tonlos tickt.
Meine Mutter hatte goldene Flügel, Die keine Welt fanden.
Horcht, mich sucht meine Mutter, Lichte sind ihre Finger und ihre Füße wandernde Träume.
Und süße Wetter mit blauen Wehen Wärmen meine Schlummer
Immer in den Nächten, Deren Tage meiner Mutter Krone tragen.
Und ich trinke aus dem Monde stillen Wein, Wenn die Nacht einsam kommt.
Meine Lieder trugen des Sommers Bläue Und kehrten düster heim.
– Ihr verhöhntet meine Lippe Und redet mit ihr. –
Doch ich griff nach euren Händen, Denn meine Liebe ist ein Kind und wollte spielen. Und ich artete mich nach euch, Weil ich mich nach dem Menschen sehnte.
Arm bin ich geworden An eurer bettelnden Wohltat.
Und das Meer wird es wehklagen Gott.
Ich bin der Hieroglyph, Der unter der Schöpfung steht
Und mein Auge Ist der Gipfel der Zeit;
Sein Leuchten küßt Gottes Saum.