German poem
Die Sängerin
by Emanuel Geibel (1815–1884)
Vor andern kalt zu scheinen Hab' ich mich längst gewöhnt, Doch halt' ich kaum das Weinen, Wenn diese Stimme tönt.
Die goldnen Weisen triefen Ins Herz wie Vollmondschein Und ziehn in alle Tiefen Der Wehmut mich hinein.
Das sind gesungene Tränen; Es klagt und flutet drin Das ganze Leiden und Sehnen Der kranken Sängerin.
Schon brennt auf ihrem blassen Gesicht ein fliegend Rot; Sie kann das Singen nicht lassen Und weiß, es ist ihr Tod.