German poem
Gebet
by Emanuel Geibel (1815–1884)
Herr, in dieser Zeit Gewog', Da die Stürme rastlos schnauben, Wahr', o wahre mir den Glauben, Der noch nimmer mich betrog,
Der noch sieht in Nacht und Fluch Eine Spur von deinem Lichte, Ohne den die Weltgeschichte Wüster Greuel nur ein Buch;
Daß, wo trostlos unbeschränkt Dunkle Willkür scheint zu spielen, Liebe doch nach ew'gen Zielen Die verborgnen Fäden lenkt;
Daß, ob wir nur Einsturz schaun, Trümmer, schwarzgeraucht vom Brande, Doch schon leise durch die Lande Waltet ein geheimes Baun;
Daß auch in der Völker Gang Wehen deuten auf Gebären, Und, wo Tausend weinten Zähren, Einst Millionen singen Dank;
Ja, daß blind und unbewußt Deiner Gnade heil'gen Schlüssen Selbst die Teufel dienen müssen, Wenn sie tun nach ihrer Lust.
Herr, der Erdball wankt und kreißt; Laß, o laß mir diesen Glauben, Diesen starken Hort nicht rauben, Bis mein Geist dich schauend preist!