German poem
Die Verfolgung
by Ernst Koch (1808–1858)
Halt ein! ihr Schergen diabol'scher Mächte, Was soll das wüste Waidwerk Tag für Tag? Ein Greis steht vor euch, hebt zu Gott die Rechte, Vernichten könnt't ihr ihn mit Einem Schlag. Ist einer unter euch, ihr feigen Knechte, Der ihm den weißen Schädel spalten mag? Ich ruf' euch zu mit aufgehob'nen Händen: Halt ein mit eurer Treibjagd, eurem Schänden!
Ja, eine Treibjagd, denn mit frecher Stirne Jagt ihr das Wildpret über Berg und Thal; Gefangen schleppt ihr's in die Fleischerschirne, Und freut euch wohlgefällig seiner Qual. Verwirrt hat euch der Teufel die Gehirne, Woraus er lachend die Vernunft euch stahl. Nun seid ihr seine herrschaftlichen Jäger. Pfui! dreimal pfui für solche Würdenträger!
Doch hört! vielleicht noch respectirt ihr Schranken, Vielleicht in eurer Brust ist noch ein Trieb. Ein Klang aus frühern Jahren, der dem kranken, Dem sturmbewegten Herzen theuer blieb.— Dann thut es diesem einzigen Gedanken, Thut's dem, was euch noch heilig ist, zu lieb: Halt ein! beendigt eure Jagd zur Stunde, Gebt das Signal und koppelt eure Hunde!
Und thut ihr's nicht, so höret mit Entsetzen, Was dann geschieht, ich sag's euch, ich, ein Greis. Ihr denkt, das Wild würd' sich zur Wehre setzen, Mit Nimrod kämpfen die verfolgte Geis; In euern Lanzen sich den Leib zerfetzen, Und Rettung suchen um des Lebens Preis? Wir würden euch, wie Tilly einst den Schwed'schen, Den Zorn mit blut'gen Worten zukartätschen?
Aufspringen, denkt ihr, würden die Ementen, Und rächend hoch auf Barricaden steh'n, Die Glaubensbanner unter Sturmesläuten, Wie Oriflammen, von den Bergen weh'n, Und wir mit Stolz, gleich jenen Himmelsbräuten, In Kampf und Tod für uns're Kirche geh'n. Ihr denkt's? dann denkt es auch mit allen Schauern, Malt eures Meisters Bild nicht an die Mauern!
Doch nein, dem edlen Hochwild gilt das Jagen, Dem Hirsch, der stumm und ohn' Empfindung scheint. Nur wenn das Blei ihm in das Herz geschlagen, Und tödtlich ihn verwundet hat der Feind, Dann läßt er hör'n ein leises süßes Klagen, Und was er nie gekonnt und that: er weint. So leiden wir, so weinen wir und klagen, Wenn eure Bleie uns in's Leben schlagen.
Des Wildes Klageton stirbt unter Zweigen, Der unsrige fliegt rasch zum Herrn empor. Wenn eure Flüch' hinab zur Hölle steigen, Dringt uns're Stimme bis zu Gottes Ohr. Kein menschlich Tribunal bringt sie zum Schweigen, Posaunengleich sprengt sie das Himmelsthor. Gott schreibt sie in die großen Jagdannalen, Um Wild und Jäger einst den Lohn zu zahlen.
's war eine Zeit—vielleicht in stillen Nächten Habt ihr sie wie ein Traumbild noch erblickt; Es war die Zeit, eh' ihr von finstern Mächten Die Waffen lehrtet, die ihr auf uns zückt, Eh' ihr's gelernt, mit Gott und Kirche rechten, Und eh' der Satan euern Geist berückt— Ach! diese Zeit mit ihren Seligkeiten, Sie ist verklungen wie ein Spiel der Saiten.
Ein festlich majestätisches Geläute Rief euch, noch Kinder, in das Gotteshaus. Ihr gingt mit Freudigkeit, wie wir noch heute, Ihr trugt, wie's Brauch ist, einen Blumenstrauß; Wie Glanz des Himmels, wie der Engel Freude, Sah euch die Unschuld aus dem Aug' heraus— Und ihr gelobtet euch im Sacramente Dem lieben Heiland bis an's Lebensende.
Noch seh' ich euch am Tisch des Herren essen, Und wie die Gnade euer Herz durchbrannt. Noch seh' ich euch die keuschen Lippen pressen Auf's Kruzifix in eurer reinen Hand. O sagt, habt ihr die Thräne ganz vergessen, Die damals euch im frommen Auge stand? Wie weit ist's doch, seit jenen schönen Tagen Bis zu dem heut'gen mörderischen Jagen?
Und bringt euch, Buben, nichts mehr zu Verstande, So denkt an jenen einz'gen heil'gen Tag— Und dann—schlagt zu! dann laßt sie los, die Bande, Dann schießt und mordet durch Gebüsch und Hag. Noch nie gab's so viel Edelwild im Lande, Ein Jagen, wo's geduldiger erlag. Schlagt zu, ihr Herrn, und macht mir's nicht gelinder! Mein Weib ist todt, doch hier sind meine Kinder.
1848.
Ein wilder Sturm ist in die Welt gefahren, Durchwühlt die Völker, wie ein brausend Meer. Prophetenstimmen aus verklung'nen Jahren Zieh'n wie Posaunentöne vor ihm her. Entfesselt sind der Geister wilde Schaaren Und die Empörung schwingt den blut'gen Speer. Es ist ein Toben und ein wildes Kämpfen, Als wälzte sich die Zeit in schweren Krämpfen.
Wer ist der Steuermann in solchen Wettern, Wer ist der Geist, der über'n Wassern schwebt? Ein Herrscher, der das Schiff aus morschen Brettern Maschinenmäßig durch die Wellen hebt? Ein Feldmarschall, der unter Bombenschmettern Sich in die Weichen der Empörung gräbt? Kann Menschenweisheit jenem Sturm gebieten, Gibt uns ein Machtwort den verlor'nen Frieden?
Wohl mag ein Stern uns aus den Wogen retten, Doch keiner, der auf Uniformen blinkt, Wohl eine Hand vermag uns warm zu betten, Doch keine, die ein irdisch Scepter schwingt. Und für das Schiff gibt's neue, sich're Ketten, Doch keine, die uns um die Freiheit bringt. Wo Geister kämpfen mit der wilden Brandung, Führt nur ein Geist die Ringenden zur Landung.
Der Stern, die Stella maris, die wir kennen, Wir seh'n ihn hehr und schön vom Himmel schauen, 's ist kein Pilot, der ihn nicht weiß zu nennen, Den süßen Namen Uns'rer Lieben Frauen. Wo gibt's Fanale, die so glänzend brennen, Wenn uns die Nacht umfängt und Tod und Grauen? Das ist der Stern, vor dem in Sturmesreigen Die Wogen ihre stolzen Häupter neigen.
Die Hand, das ist die Hand der Braut des Herren, Die lehrend sich herab zum Schiffer neigt, Die, wenn sich Fels auf Fels entgegensperren, Ihm winkt und ihm die Fahrt zum Hafen zeigt, Und, daß die Wogen ihn nicht abwärts zerren, Den Segen ihres hohen Bräut'gams reicht. Wo diese Hand regiert, von Gottes wegen, Da geht das Schiff dem sichern Port entgegen.
Die Kette, die es hält für alle Zeiten, Reicht von der Erde in die Ewigkeit, Die Kette zweier Welten, die in beiden Uns zur Gemeinschaft aller Heil'gen reiht— Im Siegen, wie im Sterben und im Leiden, In Nacht und Trübsal, Gnad' und Herrlichkeit— Das ist die Kette von Demant und Eisen, Die keine Stürme dieser Welt zerreißen.
O süßer Meerstern, der vom Himmel d'roben So mild und freundlich auf uns niederschaut, O zarte Hand, der, wenn die Wellen toben, Der Schiffer demuthsvoll den Kahn vertraut, O diamantnes Band, von Gott gewoben,— Ja, wenn es uns in Nacht und Stürmen graut— Und wenn wir nichts mehr hoffen, nichts mehr lieben, Wir glauben noch, denn ihr seid uns geblieben.