German poem
Am Grabe Ernst Keil’s
by Ernst Ziel (1841–1921)
Der Märzwind rauscht durch Deine Grabeskränze; Ich steh’ am Hügelsaum gedankenvoll. Noch liegt vom Herbst das Laub und Todtentänze Nun tanzt es mit dem Wind. In Bangniß schwoll Der Busen mir in diesen Schmerzenstagen: Jetzt naht die Wehmuth sich mit sanft’rem Schritt Und bringt die Thräne mir und läßt mich klagen – Millionen weinen meine Thränen mit.
Weiß doch von Deiner Thaten reichem Samen In preisender Bewunderung die Welt, Und deutsche Zungen segnen Deinen Namen Am Delaware und Nil, am Rhein und Belt. Wo Ketten lähmten freie Geistesflüge, Da funkelte Dein Schwert – der Krieg begann; Es schmückten Dich des schönsten Menschthums Züge: Ein Kämpfer warst Du, und Du warst ein Mann. Für Freiheit nährtest Du, für Menschenrechte Ein unverbrüchlich heiliges Gefühl; Für alles edel Schöne, mannhaft Echte Trugst Du das Banner hoch im Schlachtgewühl. Ein Anwalt warst Du Allen, die da litten Bereit zur Hülfe, ohne Falsch im Rath; Weichherzig fanden Dich der Armuth Bitten, Und Keiner bat umsonst, der würdig bat.
Und dieses Herz, nun ruht’s im Grabesschweigen; Es weht darüber hin der Frühlingswind. Mir ist’s, als rief ein Gott mir aus den Zweigen: „Sieh hin, wie sterblich Eure Besten sind!“ Ich weiß, ich weiß – es wälzt auf blut’gem Raine Vergänglichkeit ihr ewig rollend Rad, Und Trost gewährt dem Herzen nur dies Eine: Es stirbt der Mensch – unsterblich lebt die That.
Unsterblich auch, was Du vollbracht! Wie Sterne Steht eingeprägt in Deines Volkes Buch Und leuchtet in entlegne Zeitenferne, Was Gutes Du gewirkt hast, Zug um Zug. Horch! aus dem Grabesschmuck mit leichtem Flügel Schwirrt eine Amsel – Stille sonst und Ruh’ – Und von dem frischen thaubeperlten Hügel Trägt sie ein Lorbeerblatt der Sonne zu.