German poem
Am Klostergarten
by Ernst Ziel (1841–1921)
An der alten Klostermauer Schreit’ ich hin im Frühlingsduft; Neuen Lebens Wonneschauer Athmen durch die Morgenluft. Sonntäglich und still ist’s heute, Nur ein hallendes Geläute Festlich zum Gebete ruft.
Durch den schattenreichen Garten Geht im wallenden Talar, Ihres heil’gen Amts zu warten, Feierlich die Nonnenschaar. Aus der kühlen Waldcapelle In die schwüle Klosterzelle Ruft die Glocke hell und klar.
Siehe! in der Schwestern Reihe Wunderhold und engelmild, Lieblich in der Unschuld Weihe – Welch ein bleiches Mädchenbild! Himmelsruhe in den Mienen Scheint sie flüchtig nur erschienen In dem irdischen Gefild.
Eine Rose bricht vom Strauche Schüchtern sie mit zagem Sinn, Drückt an’s Herz sie – Klagehauche Seufzt im Kuß sie drüber hin, Und den Gartenpfad hernieder Wallet mit den Schwestern wieder Meine holde Büßerin.
Bild der Jugend ist die Rose – Ich verstehe ganz Dein Leid: Jugendfrisch, Du Jugendlose, Trauerst Du in Einsamkeit; Daß Dich Gottes Schleier schmücke, Bliebst Du fern dem Erdenglücke – Doch Dein Herz – wie sehnsuchtsweit! –
Halle, halle, leis’ Geläute! Stille, fromme Schwestern ihr, Wallt vorüber, Himmelsbräute, Daß ich einsam bete hier! Du auch bete, bleiche Nonne, Daß die heilige Madonne Frieden schenke Dir – und mir!
Ernst Ziel.