German poem
_Das Annolied._
by F. Max Müller (1823–1900)
[Scherer D. 82, E. 74.]
Um 1110 zu Ehren des Bischofs Anno von Cöln (+ 1075) von einem niederrheinischen Dichter, wahrscheinlich im Kloster Siegburg verfasst. Herausgegeben von Bezzenberger (Quedlinburg, 1848) und Roth (München, 1847).
1.
Wir hôrten ie dikke singen von alten dingen: wi snelle helide vuhten, wi si veste burge brêchen, wi sich liebin winiscefte schieden, wi rîche kunige al zegiengen. nû ist cît daz wir denken, wi wir selve sulin enden. Crist, der unser hêrro guot wi manige ceichen her uns vure duot, als er ûffin Sigeberg havit gedân durch den diurlîchen man den heiligen bischof Annen durch den sînin willen. dâ bî wir uns sulin bewarin, wante wir noch sulin varin von disime ellendin lîbe hin cin êwin, dâ wir iemr sulin sîn.
Wir hörten oftmals singen von alten Begebenheiten: Wie schnelle Helden fochten, Wie sie feste Burgen brachen, wie sich liebe Freundschaften schieden, wie mächtige Könige untergiengen. nun ist Zeit, dass wir denken, wie wir selber enden werden. Christ, unser guter Herr, Wie manche Zeichen er vor uns thut, wie er auf dem Siegberg gethan durch den trefflichen Mann, den heiligen Bischof Anno, um seinen Willen kund zu thun. daran sollen wir uns eine Lehre nehmen, dieweil wir noch die Reise vor uns haben von diesem elenden Leben hin zur Ewigkeit, wo wir dann immerdar sein sollen.