German poem
Jüngstens ist im Hoftheater
by Franz von Dingelstedt (1814–1881)
Jüngstens ist im Hoftheater Unsrem lieben Landesvater Folgendes Malheur passiert, Wie die Chronik referiert.
Durch die fürstliche Lorgnette Blickend von gewohnter Stätte, Fand der adlersicht'ge HErr Einen Fremdling im Parterr.
War kein Kerl wie andre Fremde, Trug ein blaugestreiftes Hemde Und ein tricolores Tuch, – Gründe zum Verdacht genug!
Sein Gesicht von roter Farbe Zeigte eine breite Narbe, Und der rundgezogne Bart Schien verpönter Hambachs-Art.
Auf der Stirne böse Falten, Aber doch zurückgehalten, Fragt der HErr den Kammerherr, Wer der Fremdling im Parterr?
Und der Kammerherr schickt's weiter An des Fürsten Leibbereiter, An den Rat und Adjutant – Keiner hat den Kerl gekannt.
In den Logen ersten Ranges Hob darauf ein leises, banges, Scheues Flistern ringsum an, Alles für den fremden Mann.
»Durchlaucht spricht von Propagande, Fort mit ihm aus unsrem Lande, Weh ihm, wenn in Tagesfrist Er noch hier zu finden ist!«
So ein Polizei-Beamte, Welchen heil'ger Zorn entflammte, Aber Durchlaucht winkte still, Daß er's selber ordnen will.
Seiner Diener schickt er einen, Vor dem Fremdling zu erscheinen Und zu fragen frank und frei, Wer, woher und was er sei?
Nach minutenlangem Harren, Ängstlichem Hinunterstarren, Kommt mit klug verschwiegnem Blick Der Lakai zum HErrn zurück.
»Durchlaucht! dieser Fremdling,« spricht er, »Nennt sich Johann Jacob Richter, Macht in Senf für eignes Haus« – – – »Stille!« – Und der Spuk war aus!
More by Franz von Dingelstedt
- Ihr habt gepredigt, nun ein Jahr, die neue, treue, freie Zeit
- Ihr macht mich irr durch das Gekrächz
- In diesem Hause schläft ein Wicht
- In diesen Zellen schlafen sie
- Kamerad, wen fährst du - »Den Minister.« –
- Laß, Mädchen, mich Dein Herz demütig küssen
- Merk auf! Acht Tag', nachdem Du mich verloren
- Metamorphose