German poem
Der Tempel
by Franz Werfel (1890–1945)
O Tempel, in die Zarteste Stunde gebaut, Wenn schon die unermüdlichen Schmetterlinge Die kreisenden welken an Der alten Lampe des Weisen und Die Träumer plötzlich das Haupt Tauchen aus tausend Fenstern.
Tempel, In solcher Stunde erschallend, Läßt Du uns gehn Über die Treppe. Aber wenig leuchtet Die Laterne voran des Priesters, Wenn tief der Tierkreis Brüllet und leis im Schlaf.
Wie bald doch steh ich Und schon im Kuppelsaal. Dort aber rundet Der offne Himmel. Ein Morgen Macht ihn schon fast Zum verschwommenen Knaben. Doch in dem hellen Boden Findet er sich bemessen Zu unseren Füßen wieder Genau Im bildenden Wasserteich.
Wie da ruhen Über unseren Schultern Die einhaltenden Vögel, Die Planeten sich aus. Sitzen sanft eine Weil' nur, Geschlossene Flügel Auf atemlosen Säulen. Trällert einer im Schlaf. Aber als letzter Luzifer schwirrend Hebt sich hinweg Morgender Stern. Mit fernem Gelächter Spiegelnd Gefieder Im schon helleren Bassin.
Nun aber seh ich Wolken grünen im Wasser. Sehe dreifach Das Strandgut treiben Im kleinen Umkreis Des Brunnenteichs.
Wohl weiß ich, Und nimmer täuschet mich wer, Mattes und Morsches.
Drei Dinge schwimmen, Kleines Brett Noahs, Binsenkorb Mosis, Holzspahn der Krippe Drei Schatten schwimmen Auf wachsendem Himmel. Nun aber schreiten— (Da es doch bald mehr Frühe ist) Die Männer hinaus, Die herrlichen Nach der Abfertigung. Über den Brauen Schimmern die Glatzen vor Osten Sie neigen und schreiten, Die Heiligen schreiten Hinter Planeten. Frühe Arbeiter Und kühl Von diesem Himmel und Frische. So schreiten sie, Ohne zu wecken, Gesenkte Stirnen, Aus allen Türen zugleich Hinaus aus diesem Kuppelkreis, Die Verschmäher der Speise.